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Ottensoos (Kreis
Nürnberger Land)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Ottensoos bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/39. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück.
In einem in der Zeitschrift "Der Israelit" veröffentlichten Aufsatz
des Ansbacher Historikers Professor J.M. Fuchs (zuerst veröffentlicht im
"9. Jahresbericht des historischen Vereins für Mittelfranken" von
1839) stellte dieser die These auf, dass die ersten Ottensooser Juden aus Nürnberg
stammten und von dort vertrieben worden waren. Grundlage dieser Theorie war die
Beobachtung, dass die Ottensooser Synagogenbräuche (wie auch diejenigen der
Juden in Schnaittach
und Hüttenbach)
den Nürnberger Synagogenbräuchen entsprachen. 1560 sind nach diesem
Beitrag in einem Schnaittacher Zinsbuch erstmals jüdische Wohnhäuser in
Ottensoos genannt, doch dürften sich schon einige Jahrzehnte zuvor Juden in
Ottensoos niedergelassen haben:
Artikel
mit Zitat aus dem Beitrag von J.M. Fuchs in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. September 1842:
"In den Judengemeinden zu Schnaittach,
Ottensoos und Hüttenbach zeigt sich
die größte Übereinstimmung der Synagogengebräuche mit denen, welche die
Juden vor ihrer Vertreibung aus Nürnberg daselbst beobachteten, von denselben
weichen die übrigen Juden in Mittelfranken ab. Es ist sehr wahrscheinlich, dass
die aus Nürnberg vertriebenen Juden in der Nähe sich niederließen und die
dort von früherer Zeit bestehenden Gemeinden verstärkten; für diese Ansicht
spricht eine Angabe des Schnaittacher Zinsbuchs von Jahr 1560, welches eine
Grabstätte und mehrere Häuser der Juden zu Schnaittach und Ottensoos angibt,
die schon im 15. Jahrhundert dort vorgekommen sind. Die Verfolgungen, welche die
Juden im 13ten und 14ten Jahrhundert zu Nürnberg erduldeten, möchte sie
veranlasst haben, Wohnsitze aufzusuchen, die, in der Nähe ihrer früheren
Verbindungen, den Schutz eines fremden Landesherrn gewährten. In Schnaittach
und Ottensoos (Otimissaz) konnte dies leicht erreicht werden." |
Im Laufe des 17. Jahrhunderts lag die Zahl der jüdischen
Familien in Ottensoos zwischen jeweils zehn und 15 (1630 11 Familien, 1671 10, 1698 14). Aus
dem 18./19. Jahrhundert liegen folgende Zahlen vor: 1703 118 jüdische
Einwohner, 1747 23 Familien, 1761 120 jüdische Einwohner, 1809/10 101 (24,5
% der Gesamteinwohnerschaft von 412), 1836 133 (23,3 % von insgesamt 570),
1867 112 (15,9 % von 705), 1890 80 (10,9 % von 735), 1900 75 (9,7 % von
771).
Die jüdischen Familien lebten insbesondere vom Vieh- und Hopfenhandel. Mitte
des 19. Jahrhunderts kam es zu einer ersten starken Auswanderungswelle. Ein 1853
abgefasster Bericht zeigt die damalige Aufbruchsstimmung, die sich für viele
jüdische Gemeinden dramatisch auswirkte:
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. August 1853:
"Aus Oberbayern. 4. August (1853). Es kommen uns Nachrichten von
massenhaften Auswanderungen nach den jenseitigen atlantischen Ländern aus
Mittelfranken, Schwaben und Unterfranken, besonders von Seite der jüdischen
Bevölkerung zu. Mehrere Ortschaften, wie Bruck,
Ottensoos, Dormitz, Diespeck,
dann Cronheim, Altenmuhr und viele andere, welche vor noch wenigen Jahren von
tausend und mehr jüdischen Familien bewohnt waren, zählen gegenwärtig nur
noch wenige alte Leute, während die jüngere Generation bereits in
amerikanischen Freistaaten ansässig ist. Gewöhnlich wandert der älteste Sohn
einer Familie, nachdem er seine Lehrjahre bestanden, mit Empfehlungsschreiben an
Verwandte und Freunde nach der neuen Welt, wo ihn der doppelte Gewinn eines
freien Wirkungskreises und unbeschränkter Rechte erwartet. Einige Zeit darnach
folgen ihm die Brüder und Schwestern, und zuletzt häufig auch die Eltern. Die
Nachrichten von den dort täglich neu sich bildenden Gemeinden lauten im
Allgemeinen sehr günstig." |
Trotz der dramatischen Entwicklungen um 1850 blieb die Zahl
der jüdischen Familien in Ottensoos bis um 1930 in einer solchen Höhe
bestehen, dass jüdisches Gemeindeleben weiter möglich war und die Zehnzahl der
jüdischen Männer beim Gottesdienst regelmäßig erreicht wurde.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde neben der
Synagoge eine Schule und ein rituelles Bad (zu den seit 1872 in einem jüdischen
Gemeindezentrum untergebrachten Einrichtungen s.u.). Die Gemeinde war
dem Rabbinatsbezirk in Schnaittach zugeteilt, nach dessen Auflösung dem
Distriktsrabbinat in Schwabach (bis 1932, danach
Ansbach). Für die Besorgung der religiösen
Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als
Vorsänger und Schächter tätig war. Bei anstehenden Neubesetzungen wurde die
Stelle immer wieder ausgeschrieben (siehe Anzeigen unten). Von den Lehrern
werden genannt: um 1880 Moritz (Moses) Morgenthau (wechselt
1881 nach Erlangen), um 1881/1885 Abraham Oppenheimer (danach in Mainz), um 1889/1898 Adolf Grünspecht
(öffnet 1898 ein Restaurant in Nürnberg), um 1899/1902 M. Heinemann, um
1911/1929 Alex Gutmann.
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1891 S. Späth, um 1909
Louis Rebizer.
Von den Vereinen werden genannt: ein Israelitischer Frauenverein (um
1891).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Eugen Heßdörfer
(geb. 7.3.1890 in Ottensoos, vor 1914 in Nürnberg wohnhaft, gef. 12.9.1916) und
Oberarzt Dr. Ferdinand Löwenheim (geb. 7.12.1886 in Ottensoos, vor 1914 in
Nürnberg wohnhaft, gef. 1.3.1917).
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde noch 40 Personen
in etwa zehn Haushaltungen gehörten (4,4 % der Gesamteinwohnerschaft von etwa 900
Personen), waren die Vorsteher der Gemeinde Philipp Sommerich und Max Heßdörfer.
Als Religionslehrer, Kantor und Schochet wirkte Alex(ander) Gutmann. Er unterrichtete
an der Religionsschule noch vier schulpflichtige jüdische Kinder. An Vereinen
bestanden: 1. Die Wohltätigkeitseinrichtung der Zedokoh-Kasse, 2. der
1862 gegründete Israelitische Frauenverein (1924 unter
Leitung von Pauline Lamm) sowie 3. als Sozial- und Bestattungsverein die Chewra Kadischa (unter Martin Prager). Zur
jüdischen Gemeinde gehörten auch die in Hersbruck lebenden jüdischen
Einwohner (1924: 12). Zugeteilt waren außerdem um 1930 die wenigen in
Offenhausen, Lauf, Neunkirchen am Sand und Röthenbach a.d. Pegnitz lebenden
jüdischen Einwohner. Anfang der 1930er-Jahre konnte die Gemeinde keinen eigenen
Religionslehrer mehr anstellen. Nun erteilte der Schnaittacher jüdischer Lehrer
in Ottensoos den Unterricht für die nur noch wenigen jüdischen Kinder.
Nach 1933, als noch 25 jüdische Einwohner gezählt wurden, verließen
auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien sowie der Folgen des wirtschaftlichen
Boykotts immer mehr von ihnen den Ort. Die meisten verzogen in andere Städte,
wenige wanderten aus (je eine Person nach Palästina, Holland und Frankreich).
In der Nacht zum 19. April 1934 wurden die Fenster der meisten jüdischen
Häuser eingeschlagen. Ab Ende Dezember 1935 mussten fast alle jüdischen
Einwohner durch das "Winterhilfswerk " der jüdischen Gemeinde in Nürnberg
unterstützt werden. Über die Vorkommnisse beim Novemberpogrom 1938
gegen die Synagoge siehe unten.
Von den in Ottensoos geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bertha Adler geb. Reuss (1873), Flora Ehrmann geb.
Späth (1878), Hertha Fleischmann geb.
Hessdörfer (1900), Max Hessdörfer (1864), Paula Kolb geb. Hessdörfer (1896),
Pauline Lamm geb. Springer (1864), Klara Mannheimer (1865), Cilli Prager (1861),
Cornelia (Nelly) Prager geb. Rebitzer (1881), Julius Arnold Prager (1875), Moritz Prager
(1865), Paula Prager geb. Rebitzer (1879), Samuel Prager (1865), Gustav Rebitzer (1870),
Moritz Rebitzer (1861), Siegfried Rebitzer (1877), Ida Reuß (1876), Julie Riss geb. Gundelfinger (1858), Gertraud
(Gertrud) Sämann geb. Welsch (1881), Adolfine Schneider geb. Schitz (1898), Arnold
Sommerich (1900), Jakob Sommerich (1878), Julius Sommerich (1878), Lina
(Karoline) Sommerich (1879), Sophie Sommerich (1890), Jakob Späth (1873), Jenny
Späth (1876), Siegmund Späth
(1871), Selma Weissmann geb. Sommerich (1912), Bertha Wiesenfelder geb. Späth
(1892).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Lehrer-/Vorbeterstelle 1871 / 1877 /
1908
Anmerkung: In den Ausschreibungstexten werden auch die jeweiligen Vorsteher
der Gemeinde genannt: um 1871 Hermann Prager und Wolf Hessdörfer (Heßdörfer);
um 1877 Theodor Rebitzer und Simon Löwenstein; um 1908 Louis Rebitzer und Max
Hessdörfer.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Dezember 1871: "Vakante
Stelle. Bei der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde ist die Stelle eines
Religionslehrers und Vorsängers, womit auch zugleich das Schächter-Amt verbunden
ist, in Erledigung gekommen.
Der Jahresgehalt für den Lehrer- und Vorsängerdienst beträgt 300 Gulden fix.
Der Ertrag für das Schächter-Amt dürfte sich, inklusive der nicht
unbedeutenden Akzidenzien, auf 300 Gulden und darüber belaufen.
Reflektanten belieben ihre Gesuche mit den nötigen Zeugnissen versehen
innerhalb vier Wochen portofrei an die unterzeichneten Vorstände einzusehen.
Ottensoos an der bayerischen Ostbahn.
26. November 1871. Herman Prager. Wolf Heßdörfer." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1877:
"Offene Lehrerstelle. Bei der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde
ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorsängers, womit auch zugleich
das Schächter-Amt verbunden ist, in Erledigung gekommen.
Der Jahrgehalt für den Lehrer- und Vorsängerdienst beträgt M. 600 fix,
nebst freier Wohnung im neuerbauten Schulhause und Benützung eines
Ackers. Der Ertrag für das Schächter-Amt dürfte sich inkl. der nicht
unbedeutenden Akzidenzien ebenfalls auf 600-700 Mark und darüber
belaufen.
Bemerkt wird dabei, dass wenn man mit den Leistungen des Lehrers zufriedne
ist, derselbe nach Verlauf eines Jahres 100 Mark Gehaltszulage erhält.
Zu Privatunterricht ist vielfache Gelegenheit geboten.
Bewerber belieben ihre Gesuche, mit den nötigen Zeugnissen versehen,
innerhalb
4 Wochen
portofrei an die unterzeichneten Vorstände einzusenden.
Ottensoos an der bayrischen Ostbahn, 6. April 1866.
Theodor Rebitzer, Simon Löwenheim." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Oktober 1908:
"Offene Lehrerstelle!
In der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ist die Stelle eines
Religionslehrers und Vorsängers, womit auch die Schächterfunktion
verbunden ist, in Erledigung gekommen.
Das fixe Jahresgehalt beträgt Mark 600.- mit einer jährlichen Steigerung
von je Mark 50.- auf drei Jahre; das Nebeneinkommen aus dem Vorsänger-
und Schächteramte etc. beläuft sich auf ca. Mark 700 bei freier Wohnung
im neuerbauten Schulhause.
Seminaristisch gebildete, gut qualifizierte und mit guten Stimmmitteln
begabte Bewerber wollen sich unter Einreichung der nötigen Zeugnisse bis
längstens 15. November an die unterzeichneten Vorstände wenden.
Ausländer finden keine Berücksichtigung.
Ottensoos, den 19. Oktober 1908.
Die israelitische Kultusverwaltung:
Louis Rebitzer, Max Heßdörfer." |
Über den jüdischen Lehrer Moritz
(Moses) Morgenthau (um 1880 in Ottensoos)
Moritz
(Moses) Morgenthau, geb. 1843 in Pahres, absolvierte 1861 das
Königliche Lehrerseminar zu Schwabach, danach Lehrer in
Schnodsenbach 1864,
Egenhausen 1866,
Kaubenheim 1868,
Leutershausen 1870,
Binswangen 1872,
Hüttenbach 1874 bis 1880,
Ottensoos 1880, von 1881 bis 1906 in Erlangen, wo er
1911 starb und auf dem jüdischen Friedhof
beigesetzt wurde. Nachruf zu ihm auf Seite
"Texte
zur jüdischen Geschichte in Erlangen".
Zu Moritz Morgenthau weitere Informationen von einem Beitrag von Christof
Eberstadt 2024,
eingestellt als pdf-Datei.
40-jähriges Ortsjubiläum in Mainz von Kantor und Lehrer Abraham
Oppenheimer (1926, war vor 1886 Lehrer in Ottensoos)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juli
1926: "Mainz, 19. Juli. Am Schabbos beging Herr Kantor und
Lehrer Abraham Oppenheimer sein 40jähriges Ortsjubiläum im Dienste der
hiesigen Israelitischen Religionsgesellschaft, nachdem er vorher kurze Zeit
in Lohrhaupten und Ottensoos
gewirkt hatte. Die Wertschätzung seiner Tätigkeit zeigte sich in der nach
beendigtem Morgengottesdienst in seiner Wohnung stattgehabten Feier. Nach
einem vom Synagogenchor ausgeführten Ständchen ergriff Herr Rabbiner Dr.
Bondi das Wort, zu größeren Ausführungen, um die großen Verdienste des
Jubilars in Schule und Gotteshaus eingehend zu würdigen, worauf der
Gefeierte kurz erwiderte, dass er für alle dargebrachten Ehren bestens danke
– die Gemeinde ließ ein größeres Geschenk überreichen – aber doch nur
eigentlich seine selbstverständliche Pflicht erfüllt habe. Wir aber rufen
Herrn Oppenheimer zu: 'Brich auf, fahr einher bis 100 Jahre' (nach
Psalm 45,5)"
Anmerkungen: - Schabbos Jiddisch für Schabbat,
https://de.wikipedia.org/wiki/Schabbat
- Rabbiner Dr. Bondi:
vgl. Artikel zu Rabbiner Dr. Bondi von 1890 |
70. Geburtstag von Lehrer und Kantor i.R. Alexander
Gutmann (1934 in Würzburg)
Anmerkung: Lehrer Alexander Gutmann ist am 21. April 1864 in Kleinsteinach
geboren. Er war Absolvent der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg
(Examen 1882). Bis 1933 war er Lehrer in Ottensoos (auch zuständig für Schnaittach),
dann zog er mit seiner Familie nach Würzburg, wo er im Zwinger 32 1/2 wohnte.
Im Juni 1936 emigrierte er nach Palästina. Quelle: Strätz, Biographisches
Handbuch I S. 219.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 26. April 1934: "Würzburg, 23. April (1934). Am zweiten Tag
Pessach beging Lehrer und Kantor i.R. Alexander Gutmann seinen 70.
Geburtstag. Still und selbstlos wirkte der Jubilar nahezu ein halbes
Jahrhundert im Dienste des Judentums - ein Mehrer und Wächter des
Friedens und einer unverfälschten Jüdischkeit. (Alles Gute) bis 120
Jahre." |
Aus
dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
25jähriges Jubiläum des Frauenvereins (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Dezember 1887: "Ottensoos,
(Bayern), 21. Dezember. Vergangenen Samstag Abend am 2. Tebeth (17.
Dezember) feierte der israelitische Frauenverein sein 25jähriges
Stiftungsfest, bei welcher Gelegenheit der Gründer und seitherige
Schriftführer, Herr Hermann Prager, den Rechenschaftsbericht erstattete,
der hier kurz wiedergegeben werden soll: Der Verein, gegründet am 1.
Tevet 5623 (23. Dezember 1862) und dem seither alle hier wohnenden Frauen
angehörten, verfolgt rein religiöse Zwecke: Krankenbesuche, Bewachung
etc. der Toten und Unterstützung armer kranker Frauen; außerdem wird
gegen Entrichtung einer bestimmten Gebühr, für Kaddisch, Schiur etc. bei
Jahrzeiten von Frauen, die ohne männliche Nachkommen starben gesorgt. Die
Summen, die der Verein in den 25 Jahren verausgabte, sind nicht unbeträchtlich,
und auch in den Spendenlisten für Erez Jisroel, für die Notleidenden in
Ostpreußen und Russland war der Verein schon öfters benannt, wie er auch
immer bei lokalen Angelegenheit sein Scherflein beitrug. Wir nennen hier
nur die Renovierung des jüdischen, uralten Begräbnisplatzes
in Schnaittach. Auch stiftete der Frauenverein vor einigen Jahren eine
sehr schöne Schulchandecke in die hiesige Synagoge.
Gründerinnen des Vereins waren es 19, wovon aber leider nur noch 5 am
Leben sind, und heute, nachdem im letzten Jahre 5 Frauen aus dem Leben
schieden, zählt er nur noch 17 Mitglieder, eine kleine Zahl, nachdem
schon 42 Frauen ihm angehört hatten. An diesen Bericht knüpfte Herr
Prager ein Lob der Frauen für die bisher an den Tag gelegte
Opferwilligkeit und schloss mit dem Wunsche, dass diese ach ferner so
willig und treu ihre Pflichten erfülle, und dass der Verein gedeihen und fortbestehen
möge. Hierauf überreichte die Vorsteherin des Frauenvereins, Frau Betty
Rebitzer, Herrn Prager als Zeichen dankbarer Anerkennung für die
geleisteten Dienste eine goldene Brille. Der Rest des Abends verfloss in
ernster, doch angenehmer Stimmung. Ach wir schließen mit dem Wunsche,
dass der israelitische Frauenverein gedeihen und blühen möge." |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Zum
Tod des Kriegsveteranen David Klein aus Ottensoos und seine Beisetzung am 19. Mai
1885 in Schnaittach
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.
Juni 1885: "Schnaittach, 18. Mai (1885). Eine Beerdigung, wie solche auf
unserm 500 bis 600 Jahre alten Begräbnisplatze kaum noch gesehen worden, fand
heute statt. Es wurde nämlich der Veteran aus den Kriegen 1866 und 1870 David
Klein aus Ottensoos beerdigt. Der Veteranen- und Kriegerverein Ottensoos
begleitete die Leiche und hier (sc. Schnaittach) wurde der Kondukt, vom
gleichnamigen hiesigen Verein außerhalb des Marktes in Empfang genommen. Beide
Vereine marschierten nun mit gesenkten Fahnen dem Leichenzug voraus und die Musik
spielte einen Trauerchoral bis am Friedhof. Hier hielt der Vorstand des Vereins
Ottensoos Herr Bäckermeister Lämmer eine ergreifende Rede, und unter den
üblichen drei Salven wurde der Sarg in die Erde gesenkt.
Der Verstorbene war der einzige Sohn seiner hochbetagten Eltern Lippmann und
Roschle Klein und erregte das Unglück dieser braven alten Leute ungeteiltes
Mitleid bei allen Konfessionen.
Bei dieser Gelegenheit machte sich wieder die Lücke recht fühlend, dass unser
Rabbinatssitz noch immer verwaist ist, seitdem Herr Rabbiner Dr. Salzer uns
verlassen, denn gewiss wäre hier eine Grabrede am Platze gewesen und vom
derzeitigen Verweser Herrn Rabbiner Wißmann in Schwabach, der ja fast eine
Tagesreise hierher hat, konnte dies nicht verlangt werden, wenn wir auch
überzeugt sind, dass er gewiss erschienen wäre, wenn er von der Beerdigung
gewusst hätte.
Nun fragt man sich, wie lange wird jetzt noch immer die Rabbinatsstelle
unbesetzt bleiben und ob es in vier Gemeinden, die zum Rabbinat gehören, keine
Männer mehr gibt, die für endliche Widerbesetzung eintreten! - Wahrlich, es
wäre hohe Zeit dazu, sonst könnten Schule und viele Anstalten darunter leiden,
denn, wenn auch der pflichteifrige Herr Verweser im Jahre zweimal kommt, kann er
doch nicht Alles übersehen".
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Zum Tod von Marianne Prager (1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1907:
"Ottensoos, 26. Mai (1907). Vor Kurzem schied hier Frau Marianne
Prager, die Gattin des Herrn Hermann Prager, im Alter von 67 Jahren aus
dem Leben. Ihr Charakter war ausgezeichnet durch tiefe Frömmigkeit und unerschütterliches
Gottvertrauen. Sie war weiterhin bekannt als eine Freundin der Armen. Ihr
Leichenbegängnis fand unter außerordentlich großer Beteiligung aus
allen Schichten der Bevölkerung statt. Herr Lehrer Heinemann schilderte
am Grabe das edle Wirken der Verstorbenen. Ihre Seele sei eingebunden
in den Bund des Lebens." |
Sonstiges
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert:
Grabstein in New York für Moritz Simonsfelds aus Ottensoos (gest.
1889) und Frau Rosalie
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn;
der Geurtsname von Rosalie Simonsfelds wird nicht mitgeteilt. .
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Grabstein für "Rosalie,
beloved Wife of Moritz Simonsfelds.
A native of
Ottensoos, Bavaria,
Born August 23, 1826 (?),
Died December 3, 1889 (?)" und
"Moritz Simonsfelds
A Native of Ottensoos Bavaria
Died December 31. 1889
Aged 72 Years". |
Weitere Dokumente
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)
Brief an H.
Prager in
Ottensoos (1863) |
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Der Brief wurde am
7. November 1863 von Nürnberg nach Ottensoos verschickt. Der Adressat
könnte Hermann Prager gewesen sein, um 1871 Vorsteher der jüdischen
Gemeinde und 1862 Gründer des Israelitischen Frauenvereins (zugleich
dessen Schriftführer noch bis mindestens zum 25-jährigen Jubiläum im
Dezember 1887) |
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Postkarte
von Hermann Prager
in Ottensoos an Nathan Springer
in Fürth (1894) |
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Die Karte an
Nathan Springer wurde von Hermann Prager aus Ottensoos am 20. April 1894
verschickt. Hermann Prager bestätigt den Empfang eines Geldbetrages über
eine Postanweisung (weiteres zu seiner Person siehe
oben). |
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Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war vermutlich
ein Betsaal vorhanden. 1686 wurde (nach unten stehendem Artikel
von 1871) eine erste Synagoge erbaut (urkundlich belegt ist die Synagoge 1698).
Sie sollte 185 Jahre lang Zentrum des jüdischen Gemeindelebens in Ottensoos
sein. Nach einer umfassenden Reparatur 1844 wurde sie am 31.
August 1844 (Schabbat mit der Lesen Ki tabo!) wiederum feierlich eingeweiht.
Ein "großer, steinerner Giebel" wurde am Synagogengebäude 1865
aufgeführt. 1869 wurde an das Synagogengebäude ein Schulhaus
angebaut. Schule und Synagoge wurden bei einem Großbrand am späten Abend des 1.
September 1871 ein Raub der Flammen. Darüber wurde in der Zeitschrift
"Der Israelit" berichtet:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. September 1871: "Ottensoos,
im September (1871). Ein großes Unglück hat die hiesige Gemeinde Am Tag des
Heiligen Schabbat mit der Toralesung Ki tabo (= Freitag/Samstag, 1./2.
September 1871) getroffen, und wenn wir uns im Vertrauen auf Gott in dessen
schwere Heimsuchung ohne Murren fügen, so ist doch die Bestürzung eine
ungeheure, denn wir sind in eine age versetzt, die wir nicht genügend
beschreiben, wie wir auch nicht den Gefühlen Ausdruck geben können, die unsere
Herzen bewegen.
In vorgenannter Nacht gegen 1/2 auf 11 Uhr ertönte plötzlich der grelle
Feuerruf, welcher auch nicht unbegründet war, denn aus der Scheune des Metzgers
Hirsch Rebitzer ragten schon hoch die Feuersäulen gen Himmel, während noch
Alles in nächster Nähe im süßen Schlummer lag. Die Kinder Rebitzer's, welche
kaum einige Schritte vom Feuer entfernt lagen, konnten nur noch mit Mühe dem grässlichen
Elemente entrissen werden; denn noch ehe rechtzeitige Hilfe herbeigeeilt, lagen
schon 9 Gebäude, darunter die ehrwürdige 185jährige Synagoge nebst dem erst
vor kaum 2 Jahren daran gebauten Schulhause, in Schutt und Asche.
O, wie wehe tut es, dies niederschreiben zu müssen! Verwüstet gleich dem
zerstörten Tempel liegt unser Heiligtum. In eine Ruine verwandelt ist die
Stätte, wo wir so oft zu Gott gebetet; leergebrannt, die kahle, halb
eingestürzte Mauer gen Himmel ragend, liegt sie da, einst der Stolz und die
Zierde der Gemeinde! Kaum vier Stunden zuvor empfingen wir noch in ihren Hallen
den Heiligen Schabbat, nicht solches Unglück ahnend, aber schon zum Morgengebet
wussten wir nicht, wo wir uns zu Minjan versammeln sollten. Wer diesem
Gottesdienst beiwohnte, wird ihn auch nie vergessen. Kein Auge blieb trocken,
kein Herz blieb unerschüttert. Die heiligen "guten Tage", die schon
vor der Schwelle harren, können wir nur mit Zittern und Bangen empfangen, denn
in einem Wirtshause müssen wir unseren Gottesdienst verrichten, da wir kein
anderes Lokal haben. Wir haben statt Festtage Tage der Trauer, und Gott möge
uns verzeihen, wenn wir diese Tage durch Tränen entweihen. Möge der Allgütige
uns vor weiterem Unglück schützen und uns beistehen, dass wir ihm bald einen
neuen Tempel bauen können.
Gerade an dem für uns so verhängnisvollen Schabbat vor 27 Jahren wurde die
Synagoge nach einer großen und kostspieligen Reparatur eingeweiht. Vor 6 Jahren
hatten wir einen großen, steinernen Giebel aufgeführt, und noch kaum vor 2
Jahren die Wohnung des Lehrers gebaut; und so klein die Gemeinde ist, alle
Kosten aus eigenen Mitteln bestritten, weshalb wir auch noch Schulden haben.
Gerne sind die wohlhabenderen Mitglieder nach Kräften bereit, Alles zum
Wiederaufbau der Synagoge beizutragen, aber wir haben viele Mitglieder,
respektive Witwen, Greise und Vermögenslose, denen wir keine neuen Last
aufbürden können; die Last ist zu groß für uns, und wenn uns unsere
mildtätigen Glaubensbrüder nicht unterstützen, so sind wir bei der geringen
Höhe der Versicherungssumme nicht im Stande, unsere Synagoge wieder
aufzubauen. H. Prager, Kultusvorstand.
(Anmerkung der Redaktion: Wir schließen uns der obigen Bitte an; die kleine
Gemeinde Ottensoos hat stets zu allen Sammlungen kräftigst beigesteuert. Möge
auch sie jetzt nicht vergeblich an das Mitleid unserer stets hilfsbereiten
Glaubensgenossen appellieren).
|
Der Spendenaufruf blieb nicht unerhört. In den folgenden Wochen erschienen in
der Zeitschrift "Der Israelit" mehrfach Anzeigen mit Namen von
Spendern für den Wiederaufbau der Synagoge in Ottensoos:
Zeitschrift
"Der Israelit" vom 8. November 1871: "Für Wiedererbauung der
Synagoge in Ottensoos. Jonas Igersheimer in Mergentheim 5 fl. - Jakob L. in L.
10 fl. - Anonymus in Frankfurt a.M. 20 fl. - Aus Mannheim 1 fl. - Gottschalk
Jakoby in Belgard 3 Thlr. - J.L. Lehmann in Konstanz 2 fl. 20 kr. - Ungenannter
18 Sgr. - N.N. in Mainstockheim 2 fl. - Aus Hanau 2 Thlr. - Löb Adler in
Karbach 2 fl."
|
|
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1872: "Für
Wiedererbauung der Synagoge in Ottensoos. Ungenannter, Poststempel
Bechhofen 30 Kreuzer". |
|
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1872: "Für
Wiedererbauung der Synagoge in Ottensoos. N.N. in Pappenheim 18 kr. - A.
Bachmann in Eltmann 1 fl. 21 kr." |
|
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1872: "Für
Wiedererbauung der Synagoge in Ottensoos. Ungenannter in Mainz 1 fl. 30 kr." |
|
1872 konnte die Synagoge neu erstellt und vermutlich
noch im selben Jahr feierlich eingeweiht werden. Im neuen L-förmigen
Gebäudekomplex wurden auch die Schule sowie die Lehrerwohnung und das rituelle
Bad untergebracht.
Gut 60 Jahre wurden in der neuen
Synagoge zahlreiche Gottesdienste und andere Veranstaltungen der jüdischen
Gemeinde abgehalten, bis durch die nationalsozialistische Machtübernahme auch
in Ottensoos das jüdische Gemeindeleben zerstört wurde.
Bereits vor der Pogromnacht im November 1938 kam es zu Übergriffen auf die
Synagoge: Im März 1936 zertrümmerten Unbekannte ein Synagogenfenster.
Damals schon konnte kein regelmäßiger Gottesdienst mehr gefeiert werden, da
die nötige Zehnzahl der jüdischen Männer nicht mehr erreicht wurde. Beim
Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge vollständig,
das Gebäude teilweise durch Nationalsozialisten zerstört. Die Kronleuchter der
Synagoge wurden heruntergerissen die Fensterscheiben zerschlagen, die
Gebetsstühle demoliert, die Ritualien
verschwanden spurlos.
Das Gebäude der ehemaligen Synagoge kam in den Besitz der bürgerlichen
Gemeinde und blieb erhalten. Nach 1945 wurde es für Wohnzwecke umgebaut (im
Gebetsraum Einzug einer Zwischendecke und Einbau von Mauern), bis zu fünf
Mietparteien lebten im Haus. Seit 2003 stand das Gebäude leer. Ein
Abriss wurde immer wieder diskutiert. Eine Gedenktafel
wurde 1988 angebracht.
2008 ergab sich die Möglichkeit einer Instandsetzung der ehemaligen
Synagoge über das damalige Konjunkturpaket II, ein staatliches Programm zur
Wirtschaftsförderung. Zur Restaurierung und künftigen Nutzung der
ehemaligen Synagoge 2010/15 siehe Presseberichte unten.
Am 7. Juni 2015 wurde das Gebäude als Ort der Erinnerung, der Bildung
und der Kultur wiedereröffnet. Nur wenige Spuren erinnern im Haus an die
frühere Nutzung als jüdisches Gotteshaus. Die Tora-Nische ist erkennbar, doch
weiß und leer. Der Standort der Bima (Tora-Lesepult) ist auf dem Boden
markiert. Auf dem Dachboden sind noch vier Eisenklammern zu erkennen, an denen
früher die Leuchter der Synagoge hingen. Das Gebäude wird unter anderem von
der VHS Unteres Pegnitztal für Veranstaltungen genutzt. Von einem - im November
2013 gegründeten - "Freundeskreis Ehemalige Synagoge" wird ein
Kulturprogramm erstellt. In dem früheren Gebetsraum ist Platz für 60 bis 70
Personen.
Adresse/Standort der Synagoge: Dorfplatz 5
Fotos
Fotos 2007
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum: 12.4.2007) |
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Blick auf den
L-förmigen Gebäudekomplex des jüdischen Gemeindezentrums
mit Synagoge
(rechts), Schule und Lehrerwohnung (links) |
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Text der Tafel
(Foto rechts):
"Ehemalige Synagoge der seit 1531 ansässigen jüdischen Gemeinde.
1698 urkundlich erwähnt. 1867 nach Brand aufgebaut. Am 9.11.1938
geschändet.
Die Gemeinde Ottensoos gedenkt ihrer jüdischen Mitbürger
1988." |
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Fotos 2004
(Fotos: Jürgen Hanke, Kronach) |
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Presseberichte
zur Restaurierung und künftigen Nutzung der ehemaligen Synagoge
Februar 2008:
"Wie geht es mit der Synagoge weiter?" Veranstaltung der
Ottensooser CSU |
Artikel aus der Website der CSU-Ottensoos
vom 20. Februar 2008 (Artikel):
"Wie geht es mit der Synagoge weiter?
CSU-Fraktionsvorsitzende Tanja Riedel konnte den Ottensooser Historiker Martin Schieber als profunden Kenner der jüdischen Geschichte in Ottensoos sowie Bürgermeister Klaus Falk begrüßen.
Schieber stellte anfangs kurz die Entwicklung der jüdischen Geschichte dar. Jahrhundertelang war Ottensoos Heimat einer ansehnlichen jüdischen Gemeinde. Die Synagoge, die sich zentral im Dorf befindet, war ihr zentraler Bezugspunkt im Ort. Noch heute ist der L-förmige Bau auffällig. Vom Dorfplatz kommend fällt zunächst die gelbe Fassade des eigentlichen Synagogenbaus auf, der in Ost-West-Richtung verläuft. Die Besucher machten sich ein Bild vom baulichen Zustand der Synagoge. Im Erdgeschoss befand sich der große Beetsaal mit 68 angeordneten Plätzen. Im Obergeschoss befand sich eine Empore mit weiteren 28 Plätzen, die den Frauen zugedacht war.
Der Anbau im Westen besteht aus Sandstein. Dort befanden sich die Religionsschule und darüber die Dachwohnung des Lehrers. Die jüdischen Kinder besuchten damals zwei Schulen, die Dorfschule für den Elementarunterricht und die jüdische Schule für den Religionsunterricht. Die jüdische Schule war an der Synagoge angebaut. Bis zum Jahr 1924 fand der Unterricht statt, der dann aber wegen zu geringer Schülerzahl eingestellt wurde. Im Untergeschoss, einem Gewölbekeller, lag die Mikwe, das Ritualbad für Frauen. Die Synagoge wurde nach der Pogromnacht von der Gemeinde gekauft und wurde dann als Kindergarten und Wohnraum genutzt. Mittlerweile ist das Gebäude jedoch sehr baufällig geworden. Bürgermeister Falk stellte heraus, dass es an der Zeit sei, sich ernsthaft Gedanken, über dessen Zukunft zu machen.
Welche Möglichkeiten gibt es? Martin Schieber und die Teilnehmer waren sich einig, dass man auf jeden Fall die Bedeutung des Baus als geistliches Zentrum der jüdischen Gemeinde herausstellen solle. Dabei sollte der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden eingebunden werden. Gleichartige Projekte wurden bereits begleitet. Die Errichtung eines Jüdischen Museums erscheint wenig sinnvoll, da in Schnaittach bereits ein solches existiere. Nach Martin Schiebers Auffassung könnte jedoch durchaus eine kulturell-museale Nutzung, etwa durch die Darstellung der Geschichte des Landgebietes der Reichsstadt Nürnberg, besondere Relevanz haben.
Außerdem könnte ein Teil des Gebäudes auch einer sozialen Nutzung zugeführt werden, um z.B. seniorengerechtes Wohnen zu ermöglichen.
Sanierungsbedürftig ist das Gebäude und deshalb ist auch Handeln angesagt. Wie es mit der Synagoge weitergehen soll ist eine wichtige Frage für die Gemeinde Ottensoos und für alle Bürgerinnen und Bürger." |
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September 2008:
Eine Fahrt
zur restaurierten ehemaligen Synagoge Memmelsdorf wird veranstaltet |
Links:
Beitrag in der Publikation "Akzente" der CSU Ottensoos - Ausgabe
14 vom August 2008 S. 7:
"Synagoge Ottensoos - Welche Möglichkeiten gibt es?
Von Martin Schieber. Eine wichtige Frage hat der Ottensooser
Gemeinderat in der kommenden Zeit zu lösen: Was wird aus der ehemaligen
Synagoge am Dorfplatz? Schon im Vorfeld der Kommunalwahlen im März 2008
hatte die Ottensooser CSU über diese Frage informiert: Bei Führungen
durch das Gebäude erfuhren die Teilnehmer von Martin Schieber und
Bürgermeister Klaus Falk einiges über die Geschichte des Gebäudes und
die Nutzung seit 1945. Um den Diskussionsprozess weiter voranzubringen,
wollen wir eine Fahrt nach Memmelsdorf (Landkreis Hassberge) unternehmen.
Dort wurde in den letzten Jahren die ehemalige Synagoge neu genutzt: Ein
Gedenkort entstand, nachdem das baufällige Gebäude saniert worden war.
Diese Möglichkeit soll für Ottensoos Anstoß sein, sich über die
Synagoge Gedanken zu machen: Ist das Modell auf unsere Situation
übertragbar - oder eben auch nicht?..." |
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Februar/März 2010:
Ausschreibung des Ideenwettbewerbs zur
Findung einer zukünftigen Gebäude-Nutzung.
Handout mit Angaben zum Gebäude
und Beschreibung der Rahmenbedingungen: pdf-Datei aus der Website der
Gemeinde Ottensoos. |
Dazu erläuternder Text der Gemeinde
Ottensoos (aus
der Website der Gemeinde): "Ideenwettbewerb "Zukünftige Nutzung der Synagoge".
Sanierung der ehemaligen Synagoge, Dorfplatz 5, Ottensoos.
Seit über einem Jahrzehnt leer stehend, unauffällig hinter dem Bürgerbegegnungsraum am Dorfplatz, befindet sich die ehemalige Synagoge, die derzeit einen ziemlich vernachlässigten Eindruck auf den Betrachter macht.
Der Gemeinderat erachtet hier eine Sanierung zur Instandsetzung und Stabilisierung der Bausubstanz als nicht länger aufschiebbar. Dabei stellt sich auch die Frage nach einer zukünftigen Nutzung des Gebäudes. Diese sollte auch eine angemessene Würdigung der jüdischen Mitbürger, die in fast 5 Jahrhunderten die Ottensooser Geschicke mitgestaltet haben, vorsehen.
Seit Beginn des 16. Jahrhunderts gab es eine jüdische Gemeinde in Ottensoos (siehe Ortschronik von Martin Schieber, "Ottensoos" - Ein Streifzug durch elf Jahrhunderte Geschichte", S. 78 ff). Deren Existenz endete mit der Vertreibung 1939 durch die Nationalsozialisten.
Danach wurde die Synagoge zunächst als Kindergarten und anschließend nach dem Einbau von Zwischendecken und -wänden als Gemeindewohnungen genutzt. Bei diesen Umbau-Maßnahmen ging die ursprüngliche sakrale Ausstattung vollständig und wertvolle Bausubstanz zum größten Teil verloren.
Zur Ideenfindung hinsichtlich der zukünftigen Nutzung hält der Gemeinderat eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger für hilfreich.
Um jedoch realisierbare Vorschläge zu bekommen, ist es notwendig, Informationen und Angaben über das Objekt auszugeben, die es dem interessierten Bürger ermöglichen, sich einen Überblick über die Rahmenbedingungen und Gegebenheiten, die die Nutzungsmöglichkeiten und die Baukosten beeinflussen, zu verschaffen. Deshalb haben wir die entsprechenden Angaben und Informationen sowie Gebäude-Grundrisse und Gebäudeansichten als Ausgabe-Unterlagen zusammengestellt.
Wenn Sie mitmachen möchten, können Sie diese Unterlagen ab 15. Februar 2010 im Rathaus abholen oder hier herunterladen (Link siehe unten). Eine Besichtigung der ehemaligen Synagoge bieten wir am Dienstag, 02. März 2010 um 17.00 Uhr an, Treffpunkt vor dem Gebäude. Ihre Vorschläge können Sie bis Freitag,
12. März 2010 bei der Gemeindeverwaltung im Rathaus abgeben." |
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Februar 2011:
Vortrag zur jüdischen Geschichte in
Ottensoos |
Links:
Gemeinsame Einladung von Bürgerlicher Gemeinde und
Evangelisch-lutherischer Kirchengemeinde zu einem Vortrag:
"Mehr als Steine... Jüdische Geschichte in Franken am Beispiel
Ottensoos".
Vortrag am Mittwoch, 23. Februar 2011 um 19.30 Uhr im Gemeindehaus.
Referentin: Pfarrerin Barbara Eberhardt. |
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März 2011:
Die Restaurierung der ehemaligen Synagoge ist das
finanziell aufwändigste Projekt in der Gemeinde Ottensoos im Jahr
2011 |
Artikel in der "Pegnitz-Zeitung" vom 20. März 2011 (Artikel
aus n-land.de, nur auszugsweise zitiert):
"Solider Ottensooser Haushalt stößt auf breite Zustimmung.
OTTENSOOS (bu) — Einen von allen Fraktionen als 'sehr solide' gelobten Haushalt für 2011 hat der Ottensooser Gemeinderat auf den Weg gebracht. Es bleibt genügend finanzieller Spielraum für die wichtigsten Investitionen, und man kommt sogar ohne Kreditaufnahme aus.
... Teuerstes Projekt ist die Sanierung der alten Synagoge hinter dem
Rathaus: 250 000 Euro sind dafür 2011 eingeplant. Der erste Bauabschnitt zur Sicherung der Gebäudesubstanz läuft bereits, über die mögliche spätere Nutzung wird derzeit diskutiert. Das Vorhaben wird mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II gefördert: 2011 überweist der Bund dafür 180 000 Euro nach Ottensoos..." |
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Juni
2015: Zur Fertigstellung und
künftigen Nutzung der ehemaligen Synagoge |
Artikel von Andreas Kirchmayer
in n-land.de vom 27. Mai 2015: "Ottensoos
will Synagoge mit Leben füllen..." |
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Links: Artikel von Andreas
Kirchmayer in der "Hersbrucker Zeitung" vom 11. Juni 2015:
"Ein feierlicher Neuanfang. Sanierte Ottensooser Synagoge wird nun
als Kulturzentrum genutzt"
sowie "'Nutzung ist genial'. Pfarrerin Barbara Eberhardt über die
Synagoge". |
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November 2023:
Presseartikel zur Erinnerung an
die Zerstörung der Synagogen im Nürnberger Land beim Novemberpogrom 1938
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Artikel
von Andreas Sichelstiel in der "Pegnitz-Zeitung" vom 8. November 2023:
"Vor 85 Jahren brannten die Synagogen.
Pogromnacht. Auch im heutigen Nürnberger Land eskalierte im November
1938 die Gewalt gegenüber Juden..."
(zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken) |
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November 2023:
Charlotte Knobloch trifft sich mit
einer Schüler*innengruppe in der ehemaligen Synagoge
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Artikel von Vinzenz R. Dorn in der "Pegnitz-Zeitung" vom 27. November 2023:
"Mussten Sie einen Judenstern tragen?
Zeitzeugin Charlotte Knobloch stellte sich in der Ehemaligen Synagoge in
Ottensoos den Fragen der Grundschüler..."
(zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken) |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
| Magnus Weinberg: Geschichte der Juden in der
Oberpfalz. Bd. III Der Bezirk Rothenberg (Schnaittach, Ottensoos,
Hüttenbach, Forth). Selbstverlag Sulzbürg 1909. Online-Ausgabe
Frankfurt am Main Universitätsbibliothek (als
pdf-Datei: Download 11,83 mb) |
| Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 217-218. |
| Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 173. |
| Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 259-261.
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| "Mehr als
Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band II:
Mittelfranken.
Erarbeitet von Barbara Eberhardt, Cornelia
Berger-Dittscheid,
Hans-Christof Haas und Angela Hager, unter Mitarbeit von
Frank Purrmann und Axel Töllner. Hg.
von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz.
Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und
herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3:
Bayern, Teilband 2: Mittelfranken. Lindenberg im Allgäu 2010.
Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im
Allgäu.
ISBN 978-3-89870-448-9. Abschnitt zu Ottensoos S. 506-521. |
Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Ottensoos Middle Franconia. The
Jewish community dates from the 15th century. Heavy taxation and looting during
the Thirty Years War (1618-1648) undermined its economic position. In 1698 the
town was annexed to Bavaria and despite local opposition the community continued
to grow. With the abrogation of the state rabbinate in 1808, it became
independent. In 1837 the Jewish population reached 133 (total 570). a new
synagogue was erected in 1872. In 1933, 25 Jews remained. The synagogue was
wrecked on Kristallnacht (9-10 November 1938). By 1939 all the Jews had
left.
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