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Homberg (Efze)
(Schwalm-Eder-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal
Hinweis: Homberg (Efze) sollte nicht mit Homberg
/ Ohm verwechselt werden.
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Homberg (Efze) bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Zu vorübergehenden Niederlassungen einiger jüdischer
Personen kam es wohl bereits im 17. Jahrhundert (1636, 1679 genannt), dann
jedoch erst wieder in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zunächst gehörten die in Homberg - wie auch die in
Hebel - lebenden jüdischen
Personen zur Gemeinde in Falkenberg. Erst 1909
konnte in Homberg eine selbständige
jüdische Gemeinde begründet werden.
Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1871 6 jüdische Einwohner (0,2 % von insgesamt 2.996 Einwohnern), 1880
11 (0,3 % von 3,551), 1895 25 (0,8 % von 3.321), 1905 37 (1,9 % von 3.596), 1908
11 jüdische Familie mit 47 Personen.
An Einrichtungen bestanden ein Betsaal (s.u.), eine jüdische Schule und
ein Friedhof. Die
jüdische Schule war 1908 von Falkenberg
nach Homberg verlegt worden (hier als private jüdische Elementarschule mit
Lehrer Wolf Lotheim; Finanzierung durch die jüdischen Gemeindeglieder in
Homberg; 1913 12 Kinder, 1918-19 noch 4-5 Kinder; nach Schließung um 1920 noch
Religionsschule). Die
Gemeinde gehörte mit den anderen jüdischen Gemeinden des ehemaligen Kreises Homberg
(jüdischer Kreisvorsteher war 1924 Josef Heilbronn aus Homberg) zum
Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Max Heilbronn
(geb. 26.5.1893 in Falkenberg, gef. 26.5.1915) und Gefreiter Siegfried Lotheim
(geb. 22.2.1892 in Baumbach, gef. 12.4.1918). Außerdem ist gefallen: Moses Max
Frenkel (geb. 6.4.1881 in Homberg, vor 1914 in Geiswald, Sieg wohnhaft, gef.
19.2.1917).
Um 1924, als 36 jüdische Einwohner gezählt wurden (1,9 % von 3.520
Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Robert Katz. Den Religionsunterricht der
Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Levi Katz aus Borken. Auch 1932 war
Vorsteher der Gemeinde Robert Katz. Im Schuljahr 1931/32 gab es vier
schulpflichtige jüdische Kinder in Homberg, die Religionsunterricht
erhielten.
1927 wurden die nur noch wenigen Gemeindeglieder der jüdischen
Gemeinde Raboldshausen-Mühlbach der jüdischen Gemeinde in Homberg/Efze
zugeteilt.
Unter den jüdischen Familienvorstehern gab es um 1909 vier Kaufleute, dazu ein
Viehhändler, ein Güterhändler und ein Trödelhändler; Anfang der
1930er-Jahre gab es zwei Textilkaufleute, einen praktischen Arzt (Dr. Heinemann
Goldschmidt, Schenkenweg 6), einen
Altwarenhändler und einen Gütermakler. Weit bekannt in der Region war das
Kaufhaus der Brüder Julius und Robert Höxter (seit 1902 bis 1938; das Kaufhaus
wurde beim Bau der Wallstraße 1938 abgebrochen, vgl. Presseartikel zur Familie
unten).
1933 lebten noch 32 jüdische Personen in sechs Familien in Homberg. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (nach Luxemburg die Familie
des Kaufmanns Moritz Heilbronn).
Von den in Homberg (Efze) geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch die Angaben
aus der unten genannten Dokumentation der "Stolpersteine" in Homberg):
Bertha Frenkel (1893), Henriette Goldschmidt (1876), Max Goldschmidt (1902),
Paul Goldschmidt (1902), Siegfried Fritz Goldschmidt (1899), Alfred
Gotthelf (1930), Amanda Gotthelf (1930), Edeltrud Gotthelf (1932), Klara
Gotthelf (1937), Adolf
Heilbronn (1898), Claire Heilbronn (1903), Frieda Heilbronn (1899), Julius
Heilbronn (1897), Minna Heilbronn geb. Goldstein (1865), Selma Heilbronn (1894),
Robert Höxter (1875), Selma Höxter (1881), Auguste Kann (1873), Julius Kann
(1905), Meta Kann (1901), Frieda Katz (1896), Robert Katz (1884), Julius Lotheim
(1906), Emil Moses (1879), Emil Moses (1906), Rebecca Moses (1871), Abraham
Vogel (1884), Hedwig Vogel (1898), eventuell weitere Personen.
In Homberg wurden im März 2005 und im März 2006 "Stolpersteine" für
die vertriebenen und umgekommenen jüdischen Homberger verlegt: Stolpersteine
liegen für die Familie Dr. Goldschmidt (Schwenkenweg 6), Auguste Kann mit
Kindern (Lange Straße 23), Familie Höxter (Bahnhofstraße 1, heute
Drehscheibe), Familie Moses (Bischofstraße 5), Familie Sussmann Heilbronn
(Salzgasse 9), Familie Moritz Goldschmidt (Untergasse 30), Familie Robert Katz
(Holzhäuser Straße 3).
Siehe Online-Dokumentation
der "Stolpersteine" in Homberg (Efze) (Foto aus dieser
Dokumentation) .
Nach 1945 gab es durch die im Bereich von Homberg untergebrachten
jüdischen Displaced Persons vorübergehend eine neue jüdische Gemeinde.
Im September 1950 zählte sie noch 21 Mitglieder, in Mai 1951 16 Mitglieder,
darunter drei in den Jahren zwischen 1946 und 1949 geborene Kinder.
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Der Dörrishof bei Homberg kommt in den Besitz des
jüdischen Landwirts Grunewald aus Metzebach bei Spangenberg (1927)
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen
und Waldeck"
vom 9. September 1927: "Homberg. Der in der Nähe
gelegene 200 Morgen große Gutshof Dörrishof ist mit allem Inventar in
den Besitz des Landwirts Grunewald aus Metzebach bei Spangenberg
übergegangen. Die Familie Grunewald, die noch treu zum Judentum hält,
bringt den Beweis, dass auch Juden tüchtige Landwirte sein können. In
landwirtschaftlichen Kreisen wird der Rat Grunewalds hoch
geschätzt." |
Die Gemeinde Raboldshausen wird auf drei Jahre
der Gemeinde Homberg/Efze zugeteilt (1927)
Artikel
in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Hessen und
Waldeck" vom 23. Dezember 1927: "Raboldshausen.
Die Gemeinde Raboldshausen wurde vorerst auf drei Jahre der Gemeinde Homberg
zugeteilt." |
Versammlung in der Ortsgruppe des Centralvereins
(1927)
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen
und Waldeck"
vom 23. Dezember 1927: "Homberg (Bezirk Kassel). Die hiesige
Ortsgruppe des Centralvereins, die sämtliche Familien unserer Gemeinde
umfasst, hielt am Samstag, den 4. Dezember, eine Versammlung ab, in der
Herr Erwin Baer - Frankfurt am Main über 'Die kommenden Reichstagswahlen'
sprach. In der Aussprache tauschte man die Erfahrungen der persönlichen
Wirksamkeit in der Bekämpfung des Antisemitismus aus. An der Debatte
beteiligte sich besonders Herr Dr. med. Goldschmidt. Den Vorsitz führte
Herr Robert Höxter." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
50-jähriges Geschäftsjubiläum des Kaufhauses J.
Höxter (1929)
Vgl. ein Artikel in hna.de mit Foto des Kaufhauses Höxter: http://www.hna.de/lokales/fritzlar-homberg/wenige-haben-ueberlebt-3001635.html.
Das Kaufhaus Höxter galt in den 1920er- und 30er-Jahren als eines der modernsten und umsatzstärksten in der Textilbranche im Kreis
Homberg. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde die Familie enteignet, das Inventar versteigert und das Haus 1938 abgerissen..
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen
und Waldeck"
vom 11. Januar 1929: "Homberg (Bezirk Kassel). Das Kaufhaus J.
Höxter, Homberg, Inhaber die Herren Robert und Julius Höxter, beging am
2. Januar sein 50-jähriges Geschäftsjubiläum. Die Firma wurde von dem
Seniorchef Herrn Isaac Höxter am 2. Januar 1879 in Frielendorf
gegründet. Im Jahre 1901 siedelte sie nach Homberg über und erwarb das
der Firma J.H. Becker gehörende Grundstück Bahnhofstraße Nr. 1
käuflich. Die von letzterer Firma innegehabten Räume wurden dabei
vergrößert. Die Firma J. Höxter hat im Jahre 1927 einen abermaligen
Umbau ihres Geschäftshauses durchgeführt, da die bisherigen Räume nicht
mehr ausreichten. Ein das Vorder- mit dem Hinterhaus verbindender
Mittelbau wurde errichtet, vier große, moderne Schaufenster mit
neuzeitlicher Lichtanlage eingebaut und taghelle Verkaufsräume
geschaffen. Durch diesen Umbau hat die Firma wesentlich zur Verschönerung
des Stadtbildes beigetragen und zählt heute zu den führenden Geschäften
am Platze." |
70. Geburtstag von Sußmann Heilbronn (1929)
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen
und Waldeck"
vom 26. Juli 1929: "Homberg (Bezirk Kassel). Am 29. Juli
feiert der Senior unserer Gemeinde, Herr Sußmann Heilbronn, in
geistiger Frische seinen 70. Geburtstag. Annähernd 40 Jahre war derselbe
Gemeindeältester in Falkenberg und
später in unserer Gemeinde Homberg, zur größten Zufriedenheit
der Gemeindemitglieder. Ebenso lange war er auch als Schauchet (Schächter)
für die Gemeinde tätig. Die Gemeinde hat ihm besonders die Anlage
unseres herrlich gelegenen Friedhofs zu verdanken. Vor ca. 5 Jahren musste
er aus Gesundheitsrücksichten seine Ämter niederlegen, doch interessiert
er sich heute noch sehr für alle Angelegenheiten der Gemeinde. Wir
wünschen ihm noch eine lange Reihe von Jahren in ungetrübter Gesundheit
zu verbringen." |
Silberne Hochzeit von Robert Höxter und Selma geb.
Oppenheimer (1930)
Anmerkung: Robert und Selma Höxter sind nach der Deportation 1941 in
Litzmannstadt umgekommen
(s.o.). Vor dem früheren Kaufhaus Höxter wurden für die beiden
"Stolpersteine" verlegt: http://www.boelling.de/homberg/bilderbuch/bilder/stolpersteine/stolpersteine_03.htm
. Den Kindern von Robert und Selma Höxter - Herbert und Beate sowie deren Cousin Helmut
- gelang die Flucht in die USA.
Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung" für Kassel, Kurhessen
und Waldeck"
vom 2. Mai 1930: "Homberg (Bezirk Kassel). Herr Robert Höxter
und seine Frau Selma geb. Oppenheimer, feiern am 4. Mai dieses Jahres
ihres silberne Hochzeit." |
Zur Geschichte der Beträume
Zunächst
wurden die Gottesdienste in Falkenberg
besucht. In Homberg richtete 1901 die Familie Heilbronn einen Betraum
in ihrem Haus ein. Beim Haus der Familie Heilbronn handelte es sich um ein
dreigeschossiges Fachwerkhaus zwischen der Salzgasse und der Engen Gasse. Der
Betraum wurde im Erdgeschoss eingerichtet. Daneben war vermutlich auch ein Raum
für den Unterricht der jüdischen Kinder der Gemeinde.
Einrichtung eines Betsaales (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. September 1901: "Homberg
(Reg.Bez. Kassel). Während in letzterer Zeit die traurige Erscheinung
zutage tritt, dass die alten Judengemeinden sich auflösen, und die
einzelnen Leute kaum in der Lage sind, an den hohen Feiertagen ihren
heiligsten Gefühlen Genüge zu leisten, sind wir hier in der glücklichen
Lage, einen günstigen Bericht zu erstatten.
Seit Menschengedenken gab es hier keine Stätte, wo die einzelnen
Glaubensgenossen ihre Gebete verrichten konnten; teils fehlte es an Minjan,
oder es scheiterte an dem Mangel der nötigsten Einrichtungen.
Diesmal ist es uns durch die Opferwilligkeit der Herren Goldschmidt, Katz,
Höxter und Heilbronn gelungen, unseren lang gehegten Wunsch, ein Betlokal
einzurichten, auszuführen. Besonders verdient gemacht hat sich um das
Zustandekommen dieses heiligen Zweckes Herr Jakob Goldberg aus Kassel, der
überall, wo es sich um die orthodoxen Interessen des Judentums handelt,
mit der größten Opferwilligkeit und Selbstverleugnung eifrig mitwirkt.
Von Herrn Goldberg erhielten wir die Einrichtung für unser Betlokal und
ging er uns auch mit Rat und Tat an die Hand. Es sei ihm auch an dieser
Stelle unser herzlichster Dank ausgedrückt. Möge dieses edle Beispiel
nacheifernd wirken und unsere junge Gemeinde gedeihen und
blühen." |
Später - vermutlich erst Anfang der 1930er-Jahre - wurde ein Betraum im
Haus der Familie Goldschmidt eingerichtet. Herr Goldschmidt
betrieb einen Vieh- und Fellhandel. Der gleichfalls im Erdgeschoss gelegene
Betraum war zwar etwas kleiner als der Raum im Haus der Familie Heilbronn, doch
reichte er aus, da Anfang der 1930er-Jahre die Zahl der jüdischen Einwohner
Homberg bereits zurückgegangen war. Bereits Anfang 1938 - noch rechtzeitig vor
dem Novemberpogrom 1938 - wurde das Haus der Familie Goldschmidt mit den dazu
gehörigen Stallungen und der Scheune an einen Schäfer
verkauft.
Beide Gebäude mit den früheren Beträumen
der Gemeinde sind als Wohnhäuser erhalten.
Adresse/Standort der Synagoge:
Betraum im Haus der Familie Heilbronn: zwischen der Salzgasse und der Engen
Gasse
Betraum im Haus der Familie Goldschmidt: Webergasse 10
Fotos
(Quelle: Altaras 1988 S. 53; dies. 2007 S. 156)
Ehemalige jüdische
Häuser
mit Beträumen
(Aufnahmen Juni 1987) |
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Ehemaliges Haus der Familie
Heilbronn
mit Betraum (vermutlich auch Schulraum)
im Erdgeschoss |
Ehemaliges Haus der Familie
Salomon Goldschmidt mit Betraum im
Erdgeschoss links des Eingangs |
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Haus der Familie
Heilbronn (neuere
Aufnahme von Klaus Bölling, siehe Website
unten zur Dokumentation der "Stolpersteine") |
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Haus der Familie
Heilbronn
(Fotos: Hahn, Aufnahme vom 12.10.2019) |
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Haus Salzgasse
Nr. 9 mit Hinweistafel: "Schulraum und <Synagoge> der kleinen jüdischen
Gemeinde von 1908 bis 1930. Ab 1930 bis 1938 befand sich der Synagogenraum
in der Webergasse 10." |
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Haus der Familie
Goldschmidt
(Fotos: Hahn, Aufnahme vom 12.10.2019) |
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Haus Webergasse
10 mit Gedenktafel: "Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde Homberg
die bis zu ihrer Vernichtung hier ihren Betsaal hatte". |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
November 2011:
Gedenken an den Novemberpogrom 1938 - Spaziergang
zu den "Stolpersteinen" |
Artikel in der "HNA" vom 10.
November 2011: "Spaziergang zu den Stolpersteinen.
Homberg. Mit einem Spaziergang zu einigen der Stolpersteine in der
Homberger Innenstadt machten sich am Mittwochabend rund 80 Menschen auf.
Dabei wurde den Opfern der Nationalsozialisten gedacht..."
Link
zum Artikel. |
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November 2014:
Gedenken an den Novemberpogrom 1938 |
Artikel in nh24.de vom 2. November 2014: "Das Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 in Homberg.
Homberg. Nachdem im letzten und im vorletzten Jahr andere Formen des Gedenkens in der Kreisstadt im Vordergrund standen, findet in diesem Jahr wieder ein Gang durch die Stadt anhand der 2003 gesetzten Stolpersteine statt. Aufgrund exemplarisch ausgewählter Stolpersteine geht es in diesem Jahr um das Thema
'Von der Ausgrenzung über die Diskriminierung bis zur Auswanderung jüdischer Mitbürger'.
Es laden dazu ganz herzlich der Ökumenische Arbeitskreis Homberg und die Stadt Homberg ein. Verantwortlich sind dieses Mal erstmals Schüler und Schülerinnen der EKS und der THS (AG
"Schule ohne Rassismus") gemeinsam mit ihren Lehrern, Ulf-Dieter Fink, Gunnar Krosky und Thomas Schattner, die in einem Kooperationsprojekt die Gedenkfeier mit historischen Beiträgen und Gedichten gestalten. Für musikalische Beiträge dazwischen sorgt die katholische Kirche in Homberg mit dem Klarinettisten Thomas Kirchhoffs.
Der Beginn erfolgt am 8. November um 17.00 Uhr an der Ecke Webergasse/Salzgasse bei der Familie Heilbronn, deren Sohn Julius (Jahrgang 1897) ganz enorm unter der NS-Herrschaft leiden musste, ehe er im Jahr 1942 deportiert wurde und höchstwahrscheinlich noch im Zug ins Ghetto Theresienstadt sterben musste. Doch bereits im Frühjahr 1933 begann das lange Leiden von Julius Heilbronn und damit wurde der Weg zur Reichspogromnacht bzw. zur Deportation und zum Holocaust bereits vorgezeichnet..."
Link
zum Artikel |
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Artikel von Thomas Schattner in seknews.de
vom 27. Oktober 2014: "Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 in Homberg
Nachdem im letzten und im vorletzten Jahr andere Formen des Gedenkens in der
Kreisstadt im Vordergrund standen, findet in diesem Jahr wieder ein Gang
durch die Stadt anhand der 2003 gesetzten Stolpersteine statt. Aufgrund
exemplarisch ausgewählter Stolpersteine geht es in diesem Jahr um das Thema
'Von der Ausgrenzung über die Diskriminierung bis zur Auswanderung jüdischer
Mitbürger'. Es laden dazu ganz herzlich der Ökumenische Arbeitskreis Homberg
und die Stadt Homberg ein. Verantwortlich sind dieses Mal erstmals Schüler
und Schülerinnen der EKS und der THS (AG 'Schule ohne Rassismus') gemeinsam
mit ihren Lehrern, Ulf-Dieter Fink, Gunnar Krosky und Thomas Schattner, die
in einem Kooperationsprojekt die Gedenkfeier mit historischen Beiträgen und
Gedichten gestalten. Für musikalische Beiträge dazwischen sorgt die
katholische Kirche in Homberg mit dem Klarinettisten Thomas Kirchhoffs. Der
Beginn erfolgt am 8. November um 17 Uhr an der Ecke Webergasse/Salzgasse bei
der Familie Heilbronn, deren Sohn Julius (Jahrgang 1897) ganz enorm unter
der NS-Herrschaft leiden musste, ehe er im Jahr 1942 deportiert wurde und
höchstwahrscheinlich noch im Zug ins Ghetto Theresienstadt sterben musste.
Doch bereits im Frühjahr 1933 begann das lange Leiden von Julius Heilbronn
und damit wurde der Weg zur Reichspogromnacht beziehungsweise zur
Deportation und zum Holocaust bereits vorgezeichnet.
Zum Schicksal von Julius Heilbronn. Das Frühjahr 1933 war auch
bereits von persönlichen Rachefeldzügen der Parteigenossen der NSDAP
gekennzeichnet, die alte Rechnungen beglichen. Am schlimmsten traf es in
Homberg wohl den 36-jährigen Juden Julius Heilbronn. Der 1,71 Meter große
Mann mit den schwarzen Haaren und den grauen Augen trug den Spitznamen 'der
Sternengucker' in der Stadt, weil er immer erhobenen Hauptes durch die
Kreisstadt ging. Zwei Homberger, die sich vor 1933 bei der Schutzpolizei
(Schupo) beworben hatten, rächten sich nun an Julius, da sie in Erfahrung
gebracht hatten, dass Julius sie vor der Machtübernahme als
Nationalsozialisten angeschwärzt hatte und so verhindert hatte, dass sie
eingestellt wurden. Jetzt hatte das schlimme Folgen. 'Beide abgelehnte
Bewerber holten sich Julius aus der Wohnung, gaben ihm ein Schild zu tragen,
nahmen ihn in die Mitte und führten ihn durch Hombergs Straßen – begleitet
von vielen Jugendlichen'. Auf dem Schild stand geschrieben: 'Ich habe
veranlasst, dass deutsche Jugend nicht zur Schupo kann'. Das traf einen
Mann, der nach einem Einsatz an der Westfront im Ersten Weltkrieg bedingt
durch einen Gasangriff zunächst schwer verwundet und später aus dem
Heeresdienst entlassen wurde. Die Folge war derart gravierend, dass er
anschließend nur bedingt arbeitsfähig war. Wie sehr sich die Rache an Julius
in das Gedächtnis einzelner gebrannt hat, zeigt die Reaktion von Margret
Grundmann, geborene Goldschmidt, einer Homberger Jüdin Jahrgang 1916. Am 19.
Februar 2008 schrieb sie in einem Brief an den Autor: 'Nach all den vielen
Jahren bekam ich endlich die Antwort auf eine so traurige Frage. Warum
führte man Julius Heilbronn, der ein Schild tragen musste, durch die Straßen
in Homberg? Ich war gerade vor unserem Haus, Untergasse 30, wenn Julius
vorbei getrieben wurde. Er gab mir solch einen entsetzlich traurigen Blick,
Als ob es gestern war, erinnere ich mich noch daran.' Zum weiteren Schicksal
von Julius Heilbronn, der noch mehrfach durch Homberg geführt wurde: Aus den
30er Jahren ist weiter überliefert, dass er zusammen mit der Kindergärtnerin
Sophie Hölzer seinen Vater Sußmann nach dessen Schlaganfall 'sauber machte'
und wusch. Diese berichtete später wie dankbar Julius für diese Hilfe war:
'[…] jedes Mal, wenn ich auswärts gewesen war und mit dem Zug nach Hause
kam, holte er mich vom Bahnhof ab. Dort stand er an der Seite und sagte kein
Wort. Den Eselsweg ging ich durch, Julius immer zehn Schritte hinter mir.
Einmal fragte ich: 'Warum machen Sie das?' 'Es soll Ihnen nichts passieren,
Schwester', sagte er. Julius litt zu diesem Zeitpunkt schon stark an der
Zuckerkrankheit, ohne Insulin konnte er nicht mehr leben. 1937 wird dann
Julius nach Recherchen von Friedrich Dreytza auf offener Straße von zwei
SS-Männern als 'Saujude' beschimpft. Da er wie sein Vater eine starke
Persönlichkeit besaß und 1934 zudem mit dem 'Ehrenkreuz der Frontkämpfer'
ausgezeichnet wurde, wehrte er sich. Nach dem zu früh verstorbenen Fritz
Dreytza ließ er sich die Beleidigung nicht gefallen und zeigte deshalb die
beiden SS-Männer bei der Polizei in Homberg an. 'Diese Anzeige aber wird
nicht angenommen und er selbst wird als Störer aus dem Polizeiwachlokal des
Rathauses hinausgeworfen', so Dreytza. Auf die Reichspogromnacht reagierte
er dann ähnlich. Erneut beschwerte er sich bei der Polizei in Homberg.
Wieder versuchte er Strafanzeige zu stellen. 'Seine Bemühung führt dazu,
dass ihm [dieses Mal] ein Schild mit der Aufschrift: ´Ich werde mich nie
mehr bei der Polizei beschweren!´ um den Hals gehängt und er von einem
Polizeibeamten durch die Stadt Homberg geführt wird'. Und noch einmal sollte
Julius öffentlich auffällig werden. Am 29. Dezember 1941 wurde ein großer
Artikel im Kreisblatt publiziert. Seine Überschrift lautete: 'Wir helfen
unseren Soldaten – Sonderdienst des Gaues Kurhessen der NSDAP zur Woll-,
Pelz-, Ski und Wintersachensammlung für die Front'. Selbstverständlich
hatten auch die letzten in der Region verblieben Juden zu spenden. Dagegen
wehrte sich Julius bei der öffentlichen Übergabe der Spenden am 16. Januar
1942. Wiederum erscheint er auf der Polizei und wiederum wird ihm nun ein
Schild mit der Aufschrift: '´Ich werde mich nie mehr bei der Polizei
beschweren!´ um den Hals gehängt'. Erneut muss er nach Dreytza durch die
Stadt Homberg laufen. So verwundert es nicht, dass Julius am 20. Februar
1942 wegen Aufsässigkeit gegen die Polizei in die Landesarbeitsanstalt
Breitenau eingewiesen wurde. Die Gründe selbst für seine Inhaftierung sind
aus den Akten nicht ersichtlich. Erst knapp zwei Monate später am 16. April
1942, wurde er wieder freigelassen. Was er dort erleiden musste, kann mit
Sicherheit nicht nachvollzogen werden, da die Geheime Staatspolizeistelle
Kassel am 17. März 1942 den Direktor der Landesarbeitsanstalt schriftlich
anwies, Julius '[ …] besonders scharf zur Arbeit heranzuziehen'. Am Tag
seiner Entlassung ordnete die Geheime Staatspolizeistelle Kassel den Landrat
in Fritzlar schriftlich an, Julius ist '[…] bei der nächsten Evakuierung mit
abzuschieben'. Wie sehr Julius zu diesem Zeitpunkt bedingt durch die fast
zweimonatige Internierung gesundheitlich geschwächt war, geht aus einem
Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes in Fritzlar vom 28. Mai 1942 an
den Bürgermeister in Homberg hervor. Als Fazit formuliert ein Mediziner im
Hinblick auf die bevorstehende Deportation von Julius, '[…] daß m. E. ein
Abtransport, wenn überhaupt, nur jetzt möglich ist. Wegen des
Schwächezustandes wird empfohlen, den Abtransport im Liegen, am besten auf
einer Trage vorzunehmen. Transport im Krankenauto ist nicht notwendig. Es
genügt ein üblicher Wagen'."
Quellenverzeichnis:
Unveröffentlichte: Brief von Margret Grundmann an Thomas Schattner vom
19. Februar 2008, Personalakte von Julius Heilbronn im Archiv der
Gedenkstätte Breitenau, Hans Schmidt, Judentum in Homberg,
maschinenschriftliches Manuskript o.J..
Veröffentlichte: Hans-Joachim Bauer (Hrsg.), Stadtgeschichte
gestaltet und erlebt, Lebensberichte Hornberger Bürger 1916 bis 1982,
Homberg/ Efze 1986.
Friedrich Dreytza / Christiane Fäcke, Spuren jüdischen Lebens im Kreis
Homberg, Homberg/Efze 2004.
Gedenkstättenrundbrief Nummer 9, Hrsg.: Verein zur Förderung der
Gedenkstätte und des Archivs Breitenau e.V., Kassel 1991."
|
|
Links und Literatur
Links:
Quellen:
Hinweis
auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Homberg/Efze |
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs
(innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus
hessischen jüdischen Gemeinden einsehbar:
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41
Zu Homberg/Efze ist vorhanden (zur
Einsichtnahme weiter über "Digitalisate anzeigen"):
HHStAW 365,476 Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs in
Homberg/Efze, aufgenommen durch Curt Wolf aus Eschwege und D. Goldschmidt
aus Frankerhausen im September 1938; Laufzeit 1912 - 1938; enthält
hebräische und deutsche Grabinschriften auf dem jüdischen Friedhof in
Homberg/Efze https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1919482
|
Literatur:
| Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 300-301. |
| Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 53. |
| dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 51 (keine weiteren
Informationen). |
| dies.: Neubearbeitung der beiden Bücher. 2007. S. 156-157. |
| Hans Schmidt: Judentum in Homberg.
Maschinenschriftliches Manuskript o.J. (unveröffentlicht). |
| Hans-Joachim Bauer (Hrsg.): Stadtgeschichte
gestaltet und erlebt. Lebensberichte Hornberger Bürger 1916 bis 1982.
Homberg/Elze 1986. |
| Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 177. |
| Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 441. |
| Fritz Dreytza / Christiane Fäcke: Spuren
jüdischen Lebens im Kreis Homberg. Homberg (Efze) 2004. |
| Christiane Fäcke / Sandra Höxter / Thomas Schattner
- Zweigverein Homberg (Efze) im Verein für hessische Geschichte und
Landeskunde Kassel e.V. (Hrsg.): Das waren doch unsere Nachbarn. Zur
Geschichte der Homberger Kaufmannsfamilie Höxter. Katalog einer
Ausstellung. 120 S. Kassel 2012. |
Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Homberg an
der Efze Hesse-Nassau. Although Jews lived there from 1679, an
independent community was only established in 1909, numbering 36 (1 % of the
total) in 1925. It had no synagogue and the Jews worshiped in private homes.
Most left before 1939; two perished in the Holocaust
vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|