In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts dem Deutschen
Orden gehörenden Mergentheim bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter.
Erstmals werden Juden 1293 in der Stadt genannt. Die Gemeinde wurde durch die
Judenverfolgungen 1298, 1336 und 1349 vernichtet.
Im 16. Jahrhundert lebten nur wenige jüdische Familien in der Stadt. Bis
1658 gehörten die Mergentheimer Juden zur Synagogengemeinde im benachbarten Neunkirchen.
Danach entstand auch hier wieder eine selbständige Gemeinde.
Im 18. Jahrhundert erlangten einige Juden Mergentheims als Bankiers und
Großkaufleute große Bedeutung für den Deutschen Orden. 1799 zählte die Stadt
90 jüdische Einwohner (etwa 20 Familien); die höchste Zahl wurde um 1895 mit
280 Personen erreicht.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1809 90 jüdische Einwohner (3,2 % von insgesamt 2.812 Einwohnern),
1828 128, 1854 115, 1869 176, 1880 237 (5,3 % von insgesamt 4.445), 1890 256
(5,8 % von 4.397), um 1895 Höchstzahl von 280 Personen, 1900 276, 1910
271 (5,7 % von 4.757).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Schule und ein rituelles Bad (im Gemeindehaus, an diesem Standort bereits 1638
genannt). In dem 1761 erbauten Vorderhaus zur Synagoge (Holapfelgasse 15) wurde
im 19. Jahrhundert ein jüdisches Gemeindehaus mit Rabbinat (bis 1910)
und eine Lehrerwohnung eingerichtet (1976 abgebrochen, s.u. im Abschnitt zur
Synagogengeschichte). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Unterbalbach beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben war -
neben dem Rabbiner - ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war.
Seit dem 18. Jahrhundert war Mergentheim Sitz eines Rabbiners, von
1828/32 bis 1939 bestand hier eines der württembergischen Bezirksrabbinate.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Max Falk (geb.
2.7.1893 in Mergentheim, gef. 30.5.1917), Max Pappenheimer (Fliegerleutnant,
ausgezeichnet mit EK I und II und der Württ. Goldenen Verdienstmedaille, geb.
12.6.1889 in Mergentheim, gef. 13.1.1918. Bericht zu seinem Tod auf der Textseite), Gefreiter Moritz Schloß (geb.
4.3.1884 in Mergentheim, gef. 12.5.1915), Unteroffizier Bernhard Sichel (geb.
9.8.1890 in Mergentheim, gef. 12.10.1915) und Max Strauß (geb. 23.3.1895 in
Mergentheim, gef. 15.7.1918). Außerdem sind gefallen: Ludwig Weil (geb.
24.9.1888 in Mergentheim, vor 1914 in Emmendingen wohnhaft, gef. 14.10.1916) und
Gefreiter Adolf Weißburger (geb. 27.7.1885 in Kochendorf, vor 1914 in
Mergentheim wohnhaft, gef. 25.9.1917).
Um 1924, als zur Gemeinde etwa 220 Personen gehörten (dazu acht Personen
der inzwischen aufgelösten jüdischen Gemeinde in Wachbach),
waren die Vorsteher der Gemeinde Rabbiner Dr. Moritz Kahn, Max
Fechenbach, S. Pappenheimer, Dr. Hirnheimer und Hugo Kahn. Als Lehrer und
Kantor war J. Bayer angestellt, als Schochet S. Ottensoser, als Synagogendiener
S. Schell. Religionsunterricht erhielten im Schuljahr 1924/25 30 Kinder der
Gemeinde (im Schuljahr 1931/32 33 Kinder; die Religionsunterricht an den höheren
Schulen erteilte Rabbiner Dr. Kahn. An jüdischen Vereinen gab es den
Wohltätigkeitsverein Chewra Kadischa (gegründet 1798 oder 1800; 1924/32
unter Leitung von B. Heidelberger mit 25 beziehungsweise 23 Mitgliedern; Zweck
und Arbeitsgebiet: Unterstützung hilfsbedürftiger Mitglieder), der Wohltätigkeitsverein
Chewrat Gemilus chassodim (gegründet 1871; 1924/32 unter Leitung von
Albert Adler I mit 25 beziehungsweise 18 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet:
Unterstützung hilfsbedürftiger Ortsansässiger), den Israelitischen
Frauenverein e.V. (gegründet 1853; 1924/32 unter Leitung der Frau von
Rabbiner Dr. Kahn mit 56 beziehungsweise 55 Mitgliedern), den Synagogenchorverein
(1924 unter Leitung von M. Weil), den Frontbund (1924 unter Leitung von
L. Jonas), eine Ortsgruppe des "Central-Vereins" (1924 unter
Leitung von Benny Heidelberger) und einen Verein zur Unterstützung von
Wanderarmen (1924 unter Leitung von G. Rotschild). 1932 wird als Lehrer
Adolf Frankfurt genannt.
Die jüdischen Familien erlangten nach der Emanzipation im 19. Jahrhundert
rasch im öffentlichen wie im wirtschaftlichen Leben der Stadt einen geachteten
Platz. Zahlreiche Handels- und Gewerbebetriebe gehörten noch bis kurz nach 1933
jüdischen Unternehmern. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels-,
Dienstleistungs- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien/Personen
sind bekannt: Baumaterialien Adler & Cie. (Oberer Markt 24), Schuhgeschäft
Albert Adler (Marktplatz 11), Getreide- und Landesproduktenhandlung Hermann
Adler (Ochsengasse 22), Viehhandlung Julius Berg (Ochsengasse 18), Viehhandlung
Leopold Edelstein (Ochsengasse 22), Auskunftei Kreditreform Max Fechenbach
(Bahnhofstraße 9), Oel- und Fetthandlung Fisch & Cie., Inh. Isidor Fisch,
und Vertretung Jakob Fisch (Mühlwehrstraße 19), Exportschlächterei David Fröhlich
und Sohn (Holzapfelgasse 6-8), Metzgerei B. Fröhlich (Mühlwehrstr.18),
Aussteuerartikel Falk Furchheimer (Burgstr.22), Pension Sara Gerstner (Untere
Mauergasse 11), Eisenwarenhandlung Benny Heidelberger (Gänsmarkt
4/Holzapfelgasse 7), Getreide- und Landesproduktenhandlung Moses Hess
(Goethestraße 2), Bankier Samuel Hirsch (Kirchstraße 1/Mühlwehrstraße 2), Bäckerei
Max Hirschhorn (Gänsmarkt 6), Herrenkonfektion Em. Igersheimer und
Salamander-Schuhhaus, Inh. Igersheimer (Kapuzinerstraße 14), Viehhandlung Benno
Kahn (Neunkircher Straße 5), Textil-Wäsche-(Reise-)Geschäft Hugo Kahn (Härterichstraße
6), Viehhandlung Max Kahn (Unterer Graben 7), Manufakturwarenhandlung Gustav
Oppenheimer (Marktplatz 4), Mühlenprodukten-Großhandlung David Ostheimer, Inh.
Siegmund und Nathan Ostheimer (Mittlerer Graben 56), Steingut, Porzellan S.
Prager (Oberer Markt 28), Pferdehandlung Ferdinand Rosenthal (Wettgasse 13),
Viehhandlung Ferdinand Rothschild (Unterer Graben 19/Boxberger Straße 15),
Viehhandlung Gerson Rothschild (Holzapfelgasse 20), Metzgerei Jakob Salomon
(Nonnengasse 17), Putzgeschäft Schad und Rothschild (Kirchgasse 7),
Manufakturwaren Geschw. Strauß (Härterichstraße 8), Viehhandlung Heinrich
Strauß (Holzapfelgasse 15), Viehgeschäft Jakob Strauß (Oberer Markt 24),
Auskunftei und We-Pe-Pe Einheitspreisgeschäft Louis Weil (Marktplatz 17), Althändler
Leopold Weißburger (Obere Mauergasse 68), Lederhandlung Hirsch Westheimer
(Ochsengasse 21), Likör- und Spirituosenfabrik Ferdinand Würzburger (Wettgasse
8-10, abgebrochen). An früheren jüdische Gewerbebetrieben wird in einzelnen Publikationen die
"Bierbrauerei Simon Baruch" genannt (18. Jahrhundert), die sich in der
Mühlwehrstraße 25 befand (hier noch ein Wappen mit Hexagramm [Symbol für
Bierbrauer!] und darin eingeschriebenen Initialen "SB"; bei
"SB" handelt es sich jedoch nach Angaben von Hartwig Behr, Bad
Mergentheim um den früheren Bierbrauer Stefan Baumann).
1933 wurden 196 jüdische Einwohner in Bad Mergentheim gezählt (3,2 %
von insgesamt 6.191 Einwohnern). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen
Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung ist in den folgenden
Jahren ein Großteil der jüdischen Einwohner aus der Stadt verzogen
beziehungsweise konnte auswandern. 1936 musste die israelitische Gemeinde für
ihre Kinder eine Privatschule einrichten, die bis 1940 bestand. Lehrer Adolf
Zucker wurde auf Grund seiner polnischen Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938
nach Polen ausgewiesen. Sein Nachfolger wurde Manfred Bernheim. Zu schlimmen
Ausschreitungen kam es beim Novemberpogrom 1938: jüdische Wohnungen und Geschäfte
wurden demoliert; mehrere jüdische Einwohner, darunter Rabbiner Dr. Kahn,
wurden schwer misshandelt. Zu den Vorkommnissen in der Synagoge s.u. 1939
wurden noch 61 jüdische Einwohner gezählt (0,9 % von 6.931 Einwohnern). Die
letzten jüdischen Einwohner wurden 1941 und 1942 von hier und von anderen Orten
deportiert.
Von den in Bad Mergentheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen
Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Adolfine Adler (1894),
Rosa Adler (1880), Karoline Bier geb. Hirsch (1898; Hanna Blumenfeld (1924),
Rosa Blumenfeld geb. Fechenbach (1897), Getta Eckmann geb. Lehmann (1882), Josef
Julius Eckmann (1888), Karoline (Lina) Eckmann geb. Fröhlich (1881), Ludwig
Eckmann (1923), Hanna Ehrlich (1871), Jette Ehrlich (1867), Rosa Eldod geb. Fröhlich
(1908), Bettina Falk (1889), Emilie Falk (1895), Adolf Fechenbach (1887), Felix
Fechenbach (1894), Ludwig Fechenbach (1912), Rosa Fechenbach (1910), Regina
Fisch geb. Main (1872), Salomon Frank (1936), Amalie Friedberger (1868), Anna Fröhlich
geb. Oppenheimer (1863), Berta Fröhlich geb. Neuhaus (1873), Gita Fröhlich
(1893 oder 1905), Emanuel Furchheimer (1862), Fanny Furchheimer geb. Luck
(1861), Irma Gersmann geb. Fechenbach (1899), Sara Gerstner (1878), Blanka
Hartstein geb. Rosenstiel (1879), Rosa Heimann geb. Rosenfeld (1880), Arthur
Herold (1907), Getta Herold geb. Lauchheimer (1883), Heinz Herold (1916), Josef
Herold (1878), Hermann Hirsch (1868), Samuel Abraham Hirsch (1890), Fanny
Igersheimer geb. Singer (1889), Sigmund Igersheimer (1880), Frieda Jaffé geb.
Igersheimer (1873), Claire Jonas geb. Maier (1888), Jakob Jonas (1895), Ludwig
Jonas (1883), Benno Kahn (1880), Therese Kahn geb. Flegenheimer (1887), Minna
Katz geb. Ebert (1862), Meta Kaufmann geb. Oppenheimer (1903), Edmund Joachim
Klein (1893), Gertrud Klein geb. Hony (1909), Hedwig Klein geb. Hirsch (1901),
Rosa Ledermann geb. Katzenberger (1877), Cilly Lüneburger geb. Strauß (1882),
Nathan (Nusen) Markowitz (Markievicz, 1872), Gitel Markowitz geb. Engel (1879),
Meta Mayer geb. Adler (1887), Jenny Mildenberg geb. Loeb (1887), Bettina
Mohrenwitz geb. Höchheimer (1877), Betty Offenbacher geb. Hirsch (1860), David
Oppenheimer (1889), Henriette (Jette) Pessel geb. Hommel (1866), Marianna van
Praag geb. Kahn (1911), Bertha Reutlinger geb. Strauss (1885), Gertrud
Rosenheimer geb. Strauss (1912), Irma Rosenstiel geb. Oppenheimer (1896), Minna
Rosenstiel geb. Sulzbacher (1873), Käthe Rothschild (1926), Sara Rothschild
(1889), Klara Sänger (1880), Dora Schell geb. Sandler (1873), Samuel Schell
(1871), Fanny Steinberg (1906), Meta Stern geb. Gunzenhausen (1878), Friederike
Sally Strauß (1880), Heinrich Strauß (1869), Julius Strauß (1873), Karoline
Strauß (1871), Recha Strauß geb. Hommel (1877), Sara Strauss geb. Berg (1880),
Hedwig Süßheim geb. Strauß (1881), Julie Jette Sulzbacher (1868), Flora Weil
geb. Fröhlich (1901), Sofia Weinberg geb. Fröhlich (1900), Jeanette
Weissburger geb. Weisburger (1876), Leopold Weissburger (1880), Regina
Westheimer (1875), Bruno Würzburger (1930), Ferdinand Würzburger (1874), Ida Würzburger
geb. Sommer (1889), Lina Würzburger (1889), Milly Würzburger geb. Strauss
(1906), Rosa Würzburger (1872), Selma Würzburger (1921), Rachela Zucker geb.
Puder (1876).
.
Auf dem Gelände der evangelischen Kirchengemeinde in der Härterichstraße 18
befindet sich seit 1978 ein Gedenkstein für die jüdischen Mitbürger
und ihr Schicksal. Die Aufstellung eines weiteren Denkmals ist für November
2009 vorgesehen (siehe zu den Diskussionen hierzu zu Beiträge unten).
Nach 1945 bildete sich vorübergehend wieder eine jüdische Gemeinde in
Bad Mergentheim bestehend aus amerikanisch-jüdischen Militärangehörigen, jüdischen
Displaced Persons und einigen wenigen Rückkehrern der ehemaligen jüdischen
Gemeinde.
Nach 1990 entstand in Bad Mergentheim eine Filialgemeinde zur Stuttgarter
Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg, nachdem sich in der Stadt
insbesondere jüdische "Kontingentflüchtlinge" aus Ländern der
GUS-Staaten niederlassen konnten. Diese Filialgemeinde besteht bis zur Gegenwart
(2009).
Hinweis:
Im Deutschordensmuseum Bad Mergentheim finden sich zahlreiche Gegenstände, die an die jüdische Geschichte erinnern (Gebetbücher, Gesangbücher und andere Bücher aus dem
19./20. Jahrhundert, Holzschnitte, Gemälde und Photos jüdischer Häuser, der Synagoge und einiger jüdischer Mitbürger).
Persönlichkeiten:
Simon Baruch (1722 Oedheim - 1802 Mergentheim), erfolgreicher Geschäftsagent bei der Deutschordens-Komturei in Neckarsulm, später in den Sitz des Großmeisters nach Mergentheim berufen, um sich schließlich als Finanzagent des kölnischen Kurfürsten in Bonn anzusiedeln.
Jacob Baruch (1763 Mergentheim - 1827 Frankfurt, Sohn von Simon), Bankier, politischer Repräsentant der israelitischen Gemeinde Frankfurt; Vater des Dichters Ludwig Börne, vertrat die Interessen der Frankfurter Juden beim Reichstag in Regensburg (Reichsdeputationshauptschluss) und beim Wiener
Kongress.
Felix Fechenbach (1894 Mergentheim – 1933 beim Transport in ein KZ
ermordet; Foto aus der Sammlung von Hartwig Behr), Journalist, Sekretär des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner in München (bis 1919), 1922
"Fechenbach-Affäre": durch einen Justizskandal kam Fechenbach 1922 bis 1924 ins Zuchthaus;
bis 1929 in Berlin für den Dietz-Verlag und den "Vorwärts"
tätig; 1929 Redakteur der Detmolder SPD-Zeitung, 1925 bis 1929 des
"Vorwärts". Nach Felix Fechenbach wurden in den vergangenen Jahren mehrere Einrichtungen und Straßen, insbesondere im Raum Detmold, aber auch anderswo benannt. Am Ort der
Ermordung von Fechenbach (in einem Wald zwischen Warburg und Paderborn) befindet sich heute ein Erinnerungsstein. Dazu Beitrag
von Hartwig Behr über Felix Fechenbach zum 80. Gedenktag seiner Ermordung
(pdf-Datei; der Beitrag ist erschienen in den "Fränkischen
Nachrichten" und in der "Tauberzeitung" am 7. August 2013;
Link zum Artikel) Literaturhinweis: Hermann Schueler: Auf der Flucht
erschossen. Felix Fechenbach 1894-1933. Ullstein-Taschenbuchverlag 1986 Link
zu Amazon.
.An der Stelle, wo Felix Fechenbach im Kleinenberger Wald
am 7. August 1933 hinterrücks erschossen wurde, ließ sein
Freund August Berlin einen Gedenkstein errichten.
Hermann Fechenbach (1897 Mergentheim - 1986 Denham bei London), Künstler, bekannt durch zahlreiche Holzschnitte; 1939 emigriert, seit 1944 in London; Verf. des Buches
"Die letzten Mergentheimer Juden".
Über
mittelalterliche Einrichtungen ist nichts bekannt. Auch lässt sich ein
mittelalterliches Wohngebiet in Mergentheim nicht nachweisen. Vermutet wird die
mittelalterliche Synagoge und das jüdische Wohnviertel eventuell am Platz beziehungsweise im Bereich der im 14.
Jahrhundert erbauten Marienkirche und des ehemaligen Dominikanerklosters am heutigen
Hans-Heinrich-Ehrler-Platz.
Im 16. Jahrhundert
gab es jüdische Häuser in der Burgstraße, Nonnengasse und in der Hadergasse.
Erst später konzentrierte sich das Wohngebiet auf die Holzapfelgasse,
die seitdem auch "Judengasse" genannt wurde (17.-19. Jahrhundert). Seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Juden auch außerhalb der Holzapfelgasse
Häuser erwerben oder erbauen.
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts besuchten die
Mergentheimer Juden die Synagoge im benachbarten Neunkirchen.
In Mergentheim wurde durch den Juden Salomon 1656 in dessen Haus in der
Holzapfelgasse ein Betsaal eingerichtet. Er stellte auch einen Hauslehrer
zum Unterricht der Kinder an. Gegen die Einrichtung jüdischer Gottesdienste in
der Stadt protestierten freilich der damalige Bürgermeister und der
Stadtschreiber. Sie verlangten, dass Schule und Synagoge wieder nach Neunkirchen
zurückverlegt werden sollten. Von der Ordensregierung wurde allerdings mit der
Erneuerung des Schutzbriefes für den Juden Salomon am 1. Mai 1658 der
unbeschränkte Gebrauch der Schule und der jüdischen Zeremonien in Mergentheim
erlaubt, "jedoch in der Stille und ohne Getümmel". Allerdings wurde
die Synagoge auf Grund von Gutachten der Jesuitenkollegs in Wien und Dillingen
vom 9. August 1663 wieder geschlossen und durfte erst am 18. Juni 1665 wieder
freigegeben werden. 1728 baten die Mergentheimer Juden um Genehmigung,
den Betsaal zu erweitern; das Gebäude gehörte inzwischen dem Juden Wolf.
1750 hatte sich Baruch Simon (geboren 1722 in Oedheim,
Großvater Ludwig Börnes) mit Genehmigung der Deutschordensregierung in
Mergentheim niedergelassen. Er war zusammen mit seinem Bruder Moyses Simon als
Finanzagent des Deutschen Ordens tätig. Die beiden wohnten zunächst im Haus
ihrer Schwiegermutter (die Frauen waren Schwestern). 1759 erhielt Baruch Simon
die Erlaubnis, das Haus des verstorbenen Georg Adam Pollack in der
Holzapfelgasse 15 zu kaufen. Das alte Haus wurde abgerissen und an seiner Stelle
ein dreistockiges herrschaftliches Haus mit einem schönen Einfahrtstor
errichtet. 1762 bat Baruch Simon bei der Deutschordensregierung um
Genehmigung, im Hinterhof seines Hauses eine Synagoge bauen zu dürfen.
Der bisher genutzte Betsaal sei längst zu klein geworden. Baruch Simon gab die
ausdrückliche Zusicherung, dass die in der Synagoge abgehaltenen jüdischen
Gebetsverrichtungen in aller Stille vorgenommen würden und keinerlei Störung
des christlichen Propsteigottesdienstes eintreten würde. Sollte dies der Fall
sein und ein zum Skandal der benachbarten Christen sich erweisender Lärm
eintreten, so verpflichte er sich, die Synagoge wieder von ihrem Platz zu
entfernen und an einen anderen Ort zu versetzen. Gegen den Synagogenneubau
wehrte sich entschieden der damalige katholische Stadtpfarrer Johann Nicolaus
Kechel. Er bat die fürstliche Regierung darum, das Bauwesen nicht zu
genehmigen. Unmöglich könne eine Synagoge in unmittelbarer Nähe der Kapelle
des Schöntaler Propsthofes stehen, in welcher christliche Gebete und die tägliche
Messe gelesen werden und gleich daneben würde "rabbiniert". Der
Einspruch des Stadtpfarrers blieb unbeachtet, die Baugenehmigung für die
Synagoge wurde am 22. September 1762 erteilt. Auf Grund der finanziellen
Zuwendungen durch Simon Baruch konnte sie auch alsbald gebaut werden. 1784
verzog Simon Baruch mit seiner Familie nach Bonn und vermietete seine Wohnung in
der Holzapfelgasse. Zehn Jahre danach kam er nach Mergentheim zurück.
1836 beschloss die Mergentheimer Gemeinde, die
Synagoge wesentlich zu erweitern und zu verschönern. Die Finanzierung war eine
gemeinsame Angelegenheit der Mergentheimer und Neunkirchener Juden, die
inzwischen nach Mergentheim eingemeindet waren. Der württembergische König
steuerte 300 Gulden zu dem 2.600 Gulden teuren Umbau bei. Eine aus Anlass des
Umbaus veranstaltete Steuereinschätzung ergab, dass von den Mergentheimer Juden
der Betrag von 75.800 Gulden und von den Neunkirchener Juden 80.000 Gulden in
Ansatz gebracht werden konnte – damals waren die Neunkirchener Juden noch vermögender
als diejenigen in Mergentheim. Am Schabbat Waera, 4. Januar 1840 (28.
Tevet 5600) konnte die Synagoge feierlich eingeweiht werden.
Einweihung der Synagoge (1840)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 8. Februar 1840: "Mergentheim (Württemberg), 16.
Januar (1840). In einer Zeit, wo die Gegensätze der Konfession sich so
schroff gegenüberstehen, in einer Zeit, wo das gebildete Deutschland der
Schauplatz täglicher Reibungen zwischen den Religionsparteien ist, in
einer Zeit, wo der Kampf zwischen Staat und Kirche wieder neu auftauchen
will, ist es Pflicht eines Jeden, Tatsachen zu veröffentlichen, welche
zeigen, wie in Württemberg durch das erlauchte Beispiel seines gerechten
und trefflichen Königs, der erquickende Hauch der Liebe alle Konfessionen
anwehet, wie das Band der zartesten Einheit den Israeliten wie den
Christen umfasst, wie sie ruhig nebeneinander lagern, die verschiedenen
Konfessionen, und aller Hader, Kampf und Zwietracht vor der Sonne der
Toleranz verschwindet, wie der Neben am heitern Mittag. -
Die kleine israelitische Gemeinde dahier, erbaute mit vieler Aufopferung,
wozu namentlich unser König einen wesentlichen Beiträgt gnädigst
spendete, eine Synagoge im neuesten Stile. - Am Sabbat Waera den 4. Januar
1840 wurde diese eingeweiht. Die Oberbeamten, der
Magistrat in Festkleidern, die Geistlichen der verschiedenen Konfessionen,
zahlreiche Honoratioren und eine große Zahl christlicher Bürger waren Zeugen
der würdigen Feier. Nachdem der Oberbeamte, unter dessen Leitung der schöne
Bau emporstieg, die Synagoge öffnen ließ, der Stadtmagistrat in geordnetem
Zuge die für ihn bestimmten Plätze einnahm, und die Menge in den Räumen der
Synagoge sich platzierte, erschien der Rabbiner begleitet von den
Kirchenvorstehern mit der geschmückten Tora am Portale, durchschritt die
Synagoge und stellte die Tora in die heilige Lade. Die Melodien, von der Königlichen
Hochpreislichen Oberkirchenbehörde für die Synagogen des Königreiches
bestimmt, wurden von Vorsänger und der Schuljugend feierlich und trefflich
gesungen. Hierauf hielt der Rabbiner eine für den Zweck des Tages wohlgeordnete
Rede. Als diese Predigt geendet, bestieg der hochwürdige, humane Stadtpfarrer
und Dekan der katholischen Konfession dahier die Kanzel, die kaum der Rabbiner
verlassen, und hielt einen eindringlichen Vortrag ‚Über den Zweck der
Zeremonie beim Gottesdienste’. Chorgesang und Mussafgebet beschlossen die
Feier.
Diese einfache Einweihung, diese Ruhe und Würde, die sich im Verlauf der
ganzen heiligen Handlung dartat - diese Andacht, die Katholiken,
Protestanten und Juden in den still freundlichen Hallen vereinigte, um den
Schöpfer des Himmels und den Vater aller Menschen anzubeten, diese
Einigung aller Staatskräfte um den Gott Israels, der über Cherubin thront,
in seinem neuen Tempel zu verherrlichen, ist ein freundliches Zeichen der Zeit, ein lichter Stern für Israels
Zukunft, ein Beweis, welcher Geist der Toleranz Württembergs Bewohner beseelt,
und dieser Tag der Wonne wird unserm Gedächtnisse nie entschwinden, weil
wir im Hinblick auf die Gnade des Schöpfers, der uns bis auf diesen Tag
erhalten, und auf die Großmut unseres Königs, unter dessen Szepter
Israel sicher ruht, gerne Davids Worte sprechen 'Sieh', diesen Tag hat der
Herr gemacht, lasset uns freuen, lasset uns jubeln an ihm!'"
Das frühere Haus von Simon Baruch war inzwischen zum
Rabbinat geworden. Von der 1798 in Mergentheim gegründeten Chewra Kadischa
wurden 1851 und 1898 neue Torarollen für die Synagoge gestiftet. 1900 wurde ein
Synagogenchor gegründet.
1912 wurde die Synagoge renoviert und erweitert. Dabei wurde ein Anbau erstellt und das Synagogengebäude äußerlich und innerlich
mit einem Jugendstildekor versehen (vgl. Abbildung unten). Während des Umbaus wurden die
Gottesdienste der jüdischen Gemeinde teilweise im Saal eines katholischen
Frauenvereins abgehalten. Anfang Oktober wurde die Synagoge nach abgeschlossener
Renovierung neu eingeweiht:
Die vorübergehende Benützung des Saales des katholischen
Frauenvereins durch die jüdische Gemeinde ist nicht unumstritten
(1912)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 25. September 1912: "In Bad Mergentheim wurde während
des Synagogenumbaues der Saal eines katholischen Frauenvereins zum
Abhalten des täglichen Gottesdienstes gemietet. Dies wollten einige
Katholiken hintertreiben und sprachen deshalb beim katholischen
Stadtpfarramt, Kirchenrat Zeller, vor. Dieser wies aber das an ihn
gestellte Ansinnen zurück mit den Worten: 'Die Israeliten beten zu
demselben Gott wie wir, und ihr Gebet ist so gut wie das
unsrige!'"
Die renovierte Synagoge wird neu eingeweiht (1912)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 11. Oktober 1912: "Bad Mergentheim. Letzten Schabbos ist die
bedeutend vergrößerte und vollständig renovierte Synagoge mit einem
Festgottesdienst eingeweiht worden."
Großes Lob erhielt die Mergentheimer
Gemeinde in einem Bericht der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1915, wo in
einem Bericht von Nathan Cohn aus Berlin zu lesen ist: "Die Mitglieder der
Gemeinde (sc. in Mergentheim) leben, was mir besondere angenehm auffiel, in
bestem Einvernehmen miteinander. Hier sind weder Neid noch Missgunst zu finden,
was viel sagen will. Die bei weitem größte Anzahl der hiesigen Juden lebt noch
alter Tradition gemäß; die Geschäfte der jüdischen Kaufleute sind an den
Schabbaten, bis auf geringe Ausnahmen, geschlossen. Was mich aber ganz besonders
erfreute, ist der Umstand, dass hier tiefster konfessioneller Frieden herrscht".
Am 2. November 1924 wurde in der Synagoge eine
Bronzetafel mit den Namen der acht jüdischen Gefallenen der Stadt enthüllt. An
der Feier nahmen auch die evangelischen und katholischen Geistlichen der Stadt
sowie viele christliche Bürger teil. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Moses
Kahn.
Enthüllung einer Bronzetafel für die acht im
Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten aus Mergentheim (1924)
Artikel
in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 15. Januar 1924: "Bad Mergentheim. Die
feierliche Enthüllung der Bronzetafel, welche die Namen der acht
gefallenen Söhne der jüdischen Gemeinde nennt, fand am 2. November in
der Synagoge statt. An der Feier nahmen die Spitzen des Württembergischen
Offiziersbundes, der Polizeiwehrschar, des Kriegervereins, der
Sanitätskolonne, des Städtischen Kollegiums mit dem Stadtschultheißen,
evangelische und katholische Geistliche und viele christliche Bürger
Mergentheims teil. Die Tafel ist von der dortigen Ortsgruppe des
Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten gestiftet. Die Weiherede hielt der
Rabbiner Dr.
Kahn".
Gottesdienst zum Feiertag der Nationalen Arbeit in der
Synagoge (1933) Anmerkung: in der Zeit des Nationalsozialismus (erstmals am 1. Mai 1933)
wurde der "Tag der Arbeit" am 1. Mai als "Tag der nationalen
Arbeit" begangen. Siehe Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_nationalen_Arbeit
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Mai 1933: "Bad Mergentheim. Der
Feiertag der Nationalen Arbeit wurde in unserer Synagoge festlich
begangen. Nach der Toravorlesung des Morgengottesdienstes hielt Rabbiner
Dr. Kahn eine Festrede, aus der die große Wertschätzung, die das
Judentum der Arbeit, und zwar auch der Handarbeit, beimisst, zum Ausdruck
kam. Die zahlreichen Beter hörten der sinnigen Auslegung der Schriftverse
andächtig zu. - Am großen Festzug des Nachmittags beteiligten sich die
hiesigen Kriegsbeschädigten auf dringende Einladung
hin."
Die Synagoge blieb Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in
Mergentheim bis 1938.
In der Pogromnacht am 10. November 1938 versuchten
morgens um 4 Uhr Mergentheimer SA-Leute und Mitglieder anderer Parteiformationen
in die Synagoge einzudringen. Rabbiner Dr. Kahn wurde aus dem Bett geholt. Da er
den Synagogenschlüssel nicht herausgab, wurde er schwer misshandelt. Der Bart
wurde ihm abgeschnitten; er wurde zusammengeschlagen und die Treppe
heruntergeschleift und -gestoßen. Nachdem er noch am selben Vormittag mit
anderen jüdischen Männern ins Gefängnis gebracht wurde, ließ man ihn auf
Grund seines durch die Misshandlungen gänzlich blutunterlaufenen Körpers
wieder nach Hause. Er erkrankte an einer gefährlichen Lungenentzündung, sein
Herz erlitt einen Dauerschaden.
Die Synagoge wurde völlig verwüstet. Fast sämtliche Fensterscheiben lagen in
Trümmern, Lampen und Leuchter wurden zerschlagen. Alles, was nicht festgemacht
war, wurde umgestoßen. Der Toraschrein wurde mit Schweinefleisch beschmiert,
die Mikwe diente als Kloake. In der Schule wurden das Harmonium und alle Bänke
zerschlagen. Bücher und Hefte wurden zerrissen und alles mit Tinte beschmiert.
Mit Rücksicht auf die benachbarten "arischen Scheunen" hatte man von einer
Brandstiftung abgesehen. Nach der Pogromnacht wurde die Synagoge zunächst nicht
weiter benutzt. Zu Gottesdiensten konnten die in Mergentheim verbliebenen Juden
im Gemeindehaus zusammenkommen. Das Synagogengebäude ging mit Kaufvertrag 1943
an einen örtlichen Kinobesitzer, der bis Kriegsende freilich keine baulichen
Veränderungen vornahm. Am 4. Mai 1945 wurde der Synagogenschlüssel an
den amerikanischen Militärrabbiner Kahane übergeben.
Wenig später wurde die Synagoge für jüdische DPs und
US-Soldaten der 63. Infanteriedivision durch die Bemühungen von Julius
Fechenbach vorläufig renoviert. Am 15. September 1946 wurde sie neu
eingeweiht. Bei der Feier waren der Ministerpräsident des Landes Nordwürttemberg-Nordbaden
Dr. Reinhold Maier, die Witwe des früheren Reichspräsidenten Ebert anwesend
sowie weitere politische Prominenz bis hin zu Ex-Zar Ferdinand von Bulgarien und
Vertreter jüdischer Vereinigungen. Die Einweihung nahm der Oberrabbiner der
Stadt München vor. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine öffentliche
Kundgebung im Kursaal.
Einweihung der renovierten Synagoge (1946)
Presseartikel*
zur Wiedereinweihung der Synagoge September 1946: "Die Bad
Mergentheimer Synagoge wurde eingeweiht. Die Tempelschändung des Jahres
1938 findet ihre Wiedergutmachung.
Die Stadt Bad Mergentheim stand unter dem Eindruck des Tages der 'Opfer
des Faschismus'. Dank der besonderen Bemühungen des Herrn Julius
Fechenbach, dem die Leitung der Betreuungsstelle für die politisch
Verfolgten des Nazi-Regimes des Kreises Mergentheim obliegt, war es
gelungen, bis zu diesem Tage auch die Synagoge der Stadt, die in jenen
Jahren des Judenpogroms stark gelitten hatte, vollständig zu renovieren,
sodass sie der jüdischen Gemeinde wieder als würdiges Gotteshaus dienen
kann. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stand die stimmungsvolle
Einweihung der wiederhergestellten Synagoge, die am Sonntagvormittag in
Anwesenheit des Ministerpräsidenten Dr. Reinhold Maier, Vertretern der
Militärregierung, des Arbeitsministers Kohl, des Vorstandes der
jüdischen Kultusvereinigung Württembergs Guggenheim, des Landrats Dr.
Brönner und des Bürgermeisters Daiker und der Vertreter der
verschiedenen Konfessionen von dem Oberrabbiner der Stadt München
vollzogen wurde. Als Gäste waren ferner erschienen der Ex-Zar Ferdinand
von Bulgarien und der Staatskommissar für das Flüchtlingswesen
Württemberg-Baden Stockinger, die in Mergentheim zur Kur
weilen.
Nach einer musikalischen Einleitung sprach Herr Fechenbach die
Begrüßungsworte. Es folgte eine Ansprache des Herrn Guggenheim, worauf
Ministerpräsident Dr. Maier das Wort ergriff. Er wies auf die Bedeutung
des Gedenkstages hin und würdigte in längeren Ausführungen die
Verdienste berühmter jüdischer Kaufleute und Bankiers, deren
unermüdliche Tatkraft dem Lande zu dem einstigen Wohlstand verhalfen.
Bürgermeister Daiker betonte in seiner Ansprache, dass die jüdische
Gemeinde ihr schönes, neu erstandenes Gotteshaus als Stätte der Andacht
und des Friedens zurückerhalten hätte und dieses wieder unter dem Schutz
der Stadt stehen würde. Landrat Dr. Brönner sprach im Namen des
Innenministers Glückwünsche zur Einweihung der Synagoge aus mit der
besonderen Versicherung, dass das Innenministerium sich für die Milderung
des Loses der hinterbliebenen Juden soweit als möglich einsetzen werde.
Er ging sodann auf die Bedeutung Mergentheims als Zentrum des Judentums
schon zu Zeiten des Deutschordens ein und unterstrich, dass das Judentum
mit der hiesigen Bevölkerung über Jahrhunderte stark verwachsen
war.
Es folgten die Ansprachen der Vertreter der verschiedenen Konfessionen und
eines Abgesandten der jüdischen Gemeinde der Stadt Frankfurt, der als
ehemaliger KZ-Insasse von Theresienstadt die Worte: 'Wir sind nicht voll
Hass zurückgekommen!' zum Leitmotiv seiner Ausführungen
machte.
Anschließend nahm der Oberrabbiner der Stadt München die Einweihung der
Synagoge vor. Zum Abschluss der Feier behandelte er die Geschichte des
Judentums und der antisemitischen Strömungen in den verschiedenen
Jahrhunderten mit ihren Ursachen und Wirkungen. Er lehne es ab, das
allgemeine Flüchtlingsproblem mit den Umsiedlungsfragen der Juden zu
verbinden; er forderte den unabhängigen jüdischen Staat, in dem die
Stellung des Juden als Jude und als Mensch gewährleistet sei.
Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine öffentliche Kundgebung im
Kursaal am Sonntagnachmittag. Einleitend sprach Georg Willi Herberg den
'Prometheus' von Goethe, es folgte 'La Folia' von Corelli, meisterhaft
gespielt von Eva Barth und von Ludwig Schwartzer am Flügel begleitet.
Unter den Ansprachen ist besonders hervorzuheben die Rede des
Arbeitsministers Kohl, der den Einsatz aller Kräfte und die Mitarbeiter
aller, vor allem der deutschen Jugend zum Wiederaufbau des Landes
forderte. Die Kundgebung klang mit einem Lied des Männergesangvereins Bad
Mergentheim aus.
Die würdige Gestaltung des Tages 'Opfer des Faschismus' ist nicht zuletzt
der persönlichen Initiative und Tatkraft des Herrn Julius Fechenbach zu
verdanken; die Bedeutung des Gedenktages wurde der Bevölkerung der Stadt
Mergentheim auf das Eindrucksvollste
vermittelt."
*Presseartikel zur Einweihung der
Synagoge: Fränkische Nachrichten - Ausgabe Tauberbischofsheim - vom 19.
September 1946 S. 3: "Gedenkfeier
in Bad Mergentheim" (als jpeg-Datei eingestellt)
Fränkische Nachrichten Nachrichten - Ausgabe Bad Mergentheim - vom 17.
September 1946 S. 3:
"Den Toten ein lebendiges Denkmal" (als pdf-Datei eingestellt)
Aus welcher Zeitung der oben zitierte Artikel stammt, konnte nicht mehr
festgestellt werden.
Da sich in den folgenden Jahren abzeichnete, dass
auf Dauer eine jüdische Gemeinde in Bad Mergentheim nicht wieder entstehen würde,
ist die Synagoge 1949 wieder geschlossen und im Juli dieses Jahres zunächst der
jüdischen Vermögensverwaltung (JRSO) übertragen worden. Diese verkaufte das
Gebäude am 17. November 1949 an eine örtliche Firma weiter, die es als Lager
nutzte. 1956 wurde die ehemalige Synagoge an das Katholische Bistum Rottenburg
am Neckar verkauft. 1957 wurde sie abgebrochen. Die Kultgegenstände übernahm
die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart. Das
Deutschordensmuseum Bad Mergentheim konnte von dort vor einiger Zeit zwei Tafeln
aus der Synagoge bekommen, eine 1924 in der Synagoge angebrachte Tafel für die
Gefallenen und eine zweite Tafel, die bei der Eröffnungsfeier 1946 für die
Umgekommenen der NS-Zeit angebracht worden war.
1964 wurde das Synagogengrundstück mit dem noch
stehenden Rabbinerhaus den Franziskanerinnen
von Siessen geschenkt, die hier einen Erweiterungsbau der
St.-Bernhard-Realschule erstellten (Adresse blieb Holzapfelgasse 15; die
Synagoge war an der Stelle des heutigen Hintergebäudes der Schule). Das
Rabbinat wurde 1975 abgebrochen. Eine Hinweistafel und seit 1983 eine Gedenktafel
sind vorhanden; 1988 wurde der Türbogen des ehemaligen Rabbinerhauses
und das ursprüngliche Türgitter in der Vorderfront der St.-Bernhard-Realschule
eingebaut; die Gedenktafeln wurden Ende 2001 neu aufgestellt.
Möglicher Standort der
mittelalterlichen Synagoge und
des jüdischen Wohnviertels (Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 27.10.2010)
Wie in anderen
Städten auch (z.B. in Würzburg), könnte auch in Bad Mergentheim
im 14.
Jahrhundert die Marienkirche am Platz beziehungsweise im Bereich
einer
mittelalterlichen Synagoge erbaut worden sein.
Eingang zu einer
Seitenkapelle
Rechts das ehemalige
Dominikanerkloster
Plan von Mergentheim 1931
und jüdisches Gemeindehaus / Rabbinat (Foto aus der Website www.hermannfechenbach.com)
Auf dem Plan ist
die Holzapfelgasse zu sehen mit dem Gebäude Nr. 15 (Rabbinat)
und der
dahinterstehender Synagoge; auf dem Foto rechts ist das Gebäude des
Rabbinates / jüdischen Gemeindehauses zu sehen
Historische Abbildungen zur
Synagogengeschichte
Die Erweiterung von
1912 (Repro: Hartwig Behr)
Bauzeichnung der
Synagoge zum Umbau 1912: Die alte Synagoge wurde wesentlich
erweitert
(Teil mit dem roten Dach); die Fassade ist vom damals modernen
Jugendstil geprägt.
Am linken Rand ist die Unterschrift von Rabbiner Dr.
M. Kahn erkennbar.
Innenansichten der Synagoge
vor 1933 (Quellen: Foto aus "Jüdische
Gotteshäuser und Friedhöfe in
Württemberg" 1932. S. 101; Gemälde
rechts
aus H. Fechenbach, Die letzten
Mergentheimer Juden. S. 8)
Innenansicht der Synagoge -
Blick nach Osten
Innenansicht der Synagoge -
Gemälde von 1919
Die restaurierte Synagoge
(1946)
Die restaurierte
Synagoge am Tag der Einweihung 15. September 1946
Gottesdienste 1946 mit der
amerikanischen 63. Infanteriedivision
Quelle: hier
anklicken
Das Innere der Synagoge
Mergentheim 1946
Beim Gottesdienst mit
Chaplain Aaron Kahana
Genehmigung von Bürgermeister
Dr. Karl Herz vom 4. Mai
1945 zur
Benutzung der Synagoge durch US-Soldaten
Fotos nach dem Abbruch der Synagoge 1957:
Fotos um 1983 (Fotos: Hahn)
Blick in die Holzapfelgasse, im Hintergrund
die
St.-Bernhard-Realschule
Erste Hinweistafel
Der Standort der ersten
Erinnerungstafel: völlig versteckt
am Eingang zur Schule
Die Erinnerungstafel mit dem Zitat
von Baal Schem Tow (in
der ersten
Version noch fehlerhaft)
1978 hat die Evangelische Kirchengemeinde
einen ersten
Gedenkstein in der
Härterichstraße aufgestellt
Fotos Juni 2003 (Fotos: Hahn)
St. Bernhard-Realschule
Der 1995 eingebaute Torbogen des
ehemaligen Rabbinerhauses
mit dem
ursprünglichen Torgitter
Die bronzene Tafel befindet sich
ungefähr an der Stelle
des früheren
Eingangs in die Synagoge
Um die Inschrift ist mit rotem Sandstein
die Fassade der
früheren Synagoge
abgebildet (vgl. Außenansicht oben)
Hinweistafel an der Straßenseite
Der Gedenkstein von 1978 in der Härterichstraße
Fotos Januar 2010 (Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 27.10.2010)
Blick auf die
"Grundschule und
Mädchenrealschule St. Bernhard"
Portal des
Rabbinerhauses
mit Hinweistafel (siehe unten)
Erinnerungstafel mit Abbildung
der
Fassade der früheren Synagoge
Innenhof der Schule mit Blick
zur Erinnerungstafel
Diskussion 2008/09 um die
Aufstellung eines Denkmals für die deportierten und ermordeten jüdischen
Personen aus Bad Mergentheim:
März 2008:
Interview mit dem Historiker Hartwig Behr: "Pflicht, sich zu
erinnern" in "Fränkische Nachrichten" vom 5. März 2008: pdf-Datei
(interner Link)
Klarstellung von Oberbürgermeister Dr. Lothar Barth (Bad Mergentheim):
"Äußerer Schlosshof einziger Standort" in "Fränkische
Nachrichten" vom 6. März 2008: pdf-Datei
(Interner Link)
Mai 2008:
Strittige Standort-Frage ist endgültig geklärt. Gedenktafel kommt vor das
Polizeirevier. Artikel in: Fränkische Nachrichten vom 17. Mai 2008: pdf-Datei
(interner Link).
Juli 2009:
Die "unendliche Geschichte" um ein
Denkmal für die jüdischen Mitbürger findet ein Ende
Artikel
von Sascha Bickel vom 25. Juli 2009 in den "Fränkischen Nachrichten": Gemeinderat hat entschieden: Erinnerung an jüdische Mitbürger. Denkmal betont die gemeinsame Geschichte
Bad Mergentheim. Es sei modern gestaltet und schlage zugleich eine sehr gute Brücke in die Vergangenheit, an die hier erinnert werden soll. So umschrieb Stadträtin Manuela Zahn das Denkmal für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, das von einer Jury aus fünf Vorschlägen ausgewählt worden war und nun am Donnerstag vom Gemeinderat fast einstimmig akzeptiert wurde.
Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken.
Foto
links: Die Jury entschied sich für den Entwurf von Rolf Klärle. Wer die Namen auf der Tafel lesen will, muss auf dem "gemeinsamen Boden" stehen. Foto-Montage: Privat
Artikel von Hans-Peter Kuhnhäuser vom 25. Juli 2009 in der
"Tauber-Zeitung" (Artikel): Gemeinderat entscheidet sich für den Denkmal-Entwurf von Rolf Klärle
Es ist eine fast unendliche Geschichte, die jetzt ihren Abschluss findet: Die Stadt errichtet ein Denkmal zur Erinnerung an die Jüdischen Opfer der Nazi-Zeit. Ausgewählt wurde ein Entwurf von Rolf
Klärle. Bad Mergentheim. Hauptamtsleiter Raimund Scheidel war für wenige Tage der bestinformierte Mergentheimer, und er behielt das Geheimnis für sich: Die Namen der fünf Künstler, die einen Entwurf für das Denkmal für die jüdischen Nazi-Opfer im äußeren Schlosshof eingereicht hatten. "Ich weiß es auch nicht", sagte OB Dr. Lothar Barth vor der Abstimmung. Klar war nur: Alle Künstler stammen aus Bad Mergentheim (einer lebt mittlerweile in Igersheim).
Scheidel machte deutlich, dass eine "individuelle Erinnerung", also Namen, Geburts- und Sterbedaten der Menschen jüdischen Glaubens, die einst in der Stadt lebten, die von hier deportiert und später umgebracht wurden, fehle. Die seit 30 Jahren laufende Diskussion über einen solchen Ort der Erinnerung wolle man mit dem Denkmal zu einem Abschluss bringen. "Die Künstler haben sich sehr viel Mühe gegeben. Auch wir haben es uns nicht leicht gemacht, und weil wir nicht wussten, wer welchen Entwurf erarbeitet hat, waren unsere Köpfe frei", betonte Stadträtin Manuela Zahn (CDU),
die die Meinung des Auswahlgremiums zu den verschiedenen Entwürfen darlegte. "Wir haben uns an den Materialien und der Optik orientiert", machte Zahn deutlich. Mitglieder des Gremiums waren vier Stadträte, ein Vertreter der Stadtverwaltung, des Landesamtes Bau und Vermögen (das Schloss gehört dem Land), sowie zwei Vertreter des "Freundeskreises ehemaliger jüdischer Mitbürger".
Vorschläge gemacht hatten Dorothea May, Michael Wolfmeyer, Norbert
Leufgen, Harry Elsner und Rolf Klärle. Und dessen Entwurf wurde von der Jury
präferiert. Die Jury entschied sich für den Entwurf von Rolf Klärle, und der Gemeinderat beschloss bei einer Enthaltung von Karl Zeller (CDU), dem Vorschlag der Jury zuzustimmen und das Denkmal in Auftrag zu geben. "Es hat 30 Jahre gedauert. Jetzt haben wir endliche ein Denkmal, Gott sei Dank", sagte Klaus Dieter Brünette. "Dem können wir uns alle anschließen", betonte OB Dr. Lothar Barth und verwies auf Nachfrage aus dem Gremium auf bereitstehende Haushaltsmittel in Höhe von 20000 Euro.
Klärles Gedenkstein zieht sich von der Fassade beim Polizeirevier auf den davorliegenden gepflasterten Weg. "Der Gedenkstein erwächst aus dem Boden, dem Bad Mergentheimer Boden, also aus unserer gemeinsamen Geschichte", erläuterte
Klärle. "So, wie die jüdischen Mitbürger ein fester Bestandteil dieser Stadt waren, so verbindet sich die Stele über eine flächige Bodenplatte fest mit dem Boden unserer Stadt. Sie steht für die gemeinsame Geschichte, das Miteinander hier in Bad Mergentheim vor den Verbrechen des Nationalsozialismus." Diese würden von dem Einschnitt, dem Übergang vom Boden zur stehenden Platte, versinnbildlicht, betonte
Klärle.
November 2009:
Vortrag von Hartwig Behr über die Juden in
Mergentheim in Vorbereitung der
Enthüllung des Denkmals am 28. November 2009
Artikel
in den "Fränkischen Nachrichten" vom 12. November 2009 (dom):
"Vortrag über die Juden in Mergentheim. Hartwig Behr referiert am
18. November im Deutschordensmuseum - Biografische Skizzen.
Einen Vortrag zum Thema 'Juden in Mergentheim' hält Hartwig Behr am Buß-
und Bettag, 18. November, um 20 Uhr im
Deutschordensmuseum." Zum Lesen des Artikels bitte
Textabbildung anklicken.
Ende November 2009:
Die Enthüllung der Denkmals wird nochmals
verschoben
Artikel von Hartwig Behr in der "Südwestpresse" (Lokalteil Bad
Mergentheim) vom 28. November 2009: "Bad Mergentheim. Heute sollte das Denkmal enthüllt werden, mit dem an die verschleppten und getöteten Juden der heutigen Großen Kreisstadt erinnert wird.
Es ist der 68. Jahrestag der ersten von drei Deportationen in den Jahren 1941 und 1942 gewesen. Bedauerlicherweise verzögerte sich aus technischen Gründen die Herstellung des von Architekt Rolf Klärle entworfenen Werkes. Am Donnerstag ließ Klärle im Äußeren Schlosshof ein Muster des oberen Teils des Denkmals begutachten. Dazu waren Vertreter verschiedener Dienststellen des Landes, der Stadt sowie des Freundeskreises ehemaliger jüdischer Mitbürger eingeladen.
Das Muster ist eine Holzplatte, in die der Erinnerungstext und die Namen der ermordeten Juden in Originalgröße eingefräst sind. Es war an der vorgesehenen Stelle vor dem Polizeirevier aufgerichtet.
Nach einer leichten Überarbeitung der Textstruktur wird die endgültige Herstellung dieses Erinnerungszeichens in hellem Zement vorgenommen. Wann die Enthüllung stattfinden wird, ist noch nicht festgelegt. Es könnte am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, oder am 25. März sein. Im Jahr 1933 fand an diesem Tag ein Pogrom in dieser Region statt.
In Bad Mergentheim wurden jüdische Männer gefangen genommen und aufs Landratsamt geschleppt. Im Schuppen des Landrats prügelten SA-Männer mit Polizeigerten auf sie ein. Wie in Niederstetten und Weikersheim wurden auch hier zahlreiche Juden so sehr verletzt, dass sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mussten. In Creglingen starben bekanntlich zwei Männer an solchen Gewalttaten.
Aus dem Bereich der Stadt Bad Mergentheim wurden fast 100 Menschen umgebracht."
Artikel
von Peter D. Wagner in der "Tauber-Zeitung" vom 29. Januar 2010
(Artikel):
"Bad Mergentheim. Mit einer Gedenkstunde wurde am im Äußeren Schlosshof das Denkmal für die ehemalige jüdische Gemeinde von Bad Mergentheim eingeweiht. Das Mahnmal erinnert an 97 Juden, die in KZs ermordet wurden.
Der Zeitpunkt für die Vorstellung des Mahnmals sei bewusst auf den Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus sowie den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee gelegt worden, betonte Bürgermeisterstellvertreter Thomas Tuschhoff. "Mit Ihrem Kommen zeigen Sie, dass Ihnen die Erinnerung an die furchtbaren Gräuel der Nazizeit, die sich auch hier in Bad Mergentheim ereignet oder angebahnt haben, ein wichtiges Anliegen ist", so Tuschhoff zu den zahlreichen Gästen. "Denkmäler wie dieses sollen einerseits die nächsten Generationen mahnen und andererseits einen Ort darstellen, an welchem die Nachfahren der Ermordeten ihrer Vorfahren gedenken können und somit eine Grabstelle ersetzen".
Besonders bewegend war der Moment, als Schuldekan i. R. Eggert Hornig und Oberstudienrat i. R. Hartwig Behr, Mitglieder des Freundeskreises ehemaliger jüdischer Mitbürger und Mitinitiatoren des Denkmals, abwechselnd die Namen aller 97 Opfer verlasen. "Der Jüngste durfte nicht einmal sechs Jahre alt werden", berichtete Hornig. Das Mahnmal solle gegen das Vergessen wirken und daran erinnern, sich gegen das Böse zu wehren, damit alle Menschen gut miteinender leben könnten.
Aus gesundheitlichen Gründen könne leider niemand der überlebenden Mergentheimer Juden an der Veranstaltung teilnehmen, berichtete Behr. Er verlas Gedanken von Shimshon Ofer, der als Siegfried Hirschberg in Mergentheim geboren wurde und als Zehnjähriger die Stadt verlassen hatte. "Die toten Menschen, die da erwähnt sind, haben in meiner Betrachtung immer noch lebendige Namen. Die meisten habe ich gekannt, manche waren Schulkameraden", teilte Ofer in seinen Worten mit. Seine Großeltern aus Berlin seien in Theresienstadt verschollen.
Vor Jahren habe er bei einem Besuch in Berlin als Tourist leise gesagt: "Oma und Opa, ich bin da". Er habe dies als kleinen, schönen Sieg empfunden. "Hoffentlich werden wir alle, hier und dort, in der Zukunft nur Siege ohne Opfer und Verluste auf allen Seiten nötig haben. Dafür soll dieses Denkmal ein Mahnmal sein", bekräftigte
Ofer.
Dass die Deportationen der Juden nicht versteckt, sondern erkennbar stattfanden, schilderte Dr. Fritz Ulshöfer, Direktor des Amtsgerichts i. R., als Zeitzeuge anhand eines Erlebnisses aus seiner Kindheit. 1941 habe er gesehen, wie aus Richtung Holzapfelgasse ein Ehepaar von einem Polizisten teilweise unter Einsatz eines Schlagstockes getrieben worden sei - wie er später erfahren habe, zum Bahnhof, wo der Deportations-Zug wartete. "Die Namen dieses Ehepaares befinden sich auf dieser Denkmaltafel", verdeutlichte Ulshöfer.
Architekt Rolf Klärle erklärte, dass die Grundform des Mahnmals einfach und schlicht gehalten sei, damit nichts von den Namen und dem Gedenken ablenken solle. Er wies auf einen Einschnitt am Ende der Bodenplatte hin, der den Einschnitt im Miteinander von jüdischen und nichtjüdischen Menschen in der Stadt durch die Verbrechen der Nazis symbolisiere. "Das Denkmal will uns auffordern, einen Schritt hin zu den Opfern zu tun", unterstrich Klärle.
Landesrabbiner Netanel Wurmser sagte, dass das Denkmal auch ein Grabersatz sei, denn lange Zeit habe es keinen Ort des Gedenkens an die Opfer gegeben. Das Denkmal trage ein Stück zur Wiedererlangung der Würde für die Menschen bei, die ohne Grab und Grabstein auf unmenschlich brutale Art verschwunden seien. Zum Abschluss trug der Rabbiner einen Psalm und ein jüdisches Totenlied vor."
Fotos
zur Einweihung des Denkmales am 27. Januar 2010
(Fotos: Hahn)
Das
Denkmal mit den Namen der aus Bad Mergentheim, Edelfingen, Markelsheim und
Wachbach in der NS-Zeit ermordeten jüdischen
Personen. Das mittlere Foto
ist in höherer Auflösung eingescannt, sodass die Namen gelesen werden
können.
Landesrabbiner
Netanel Wurmser besichtigt vor der Denkmaleinweihung eine kleine
Buchausstellung. Aufgeschlagen (Mitte und rechts ein Dokument einer
Rechtssammlung aus dem Stift Würzburg vom 26. Mai 1666: "Verboth,
die Juden auf keine Weis zu bedrangsalen" mit Androhung von
Strafen für alle, die Juden "mit Worten oder Tätlichkeiten
antasten, verfeinden, verfolgen" usw..
Landesrabbiner
Wurmser im Gespräch
mit Schuldekan i.R. Hornig, rechts
Oberstudienrat i.R. Behr mit Frau
Landesrabbiner
Netanel Wurmser trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Bad Mergentheim
ein; rechts sein Eintrag (rechts oben Datum nach jüdischer und
allgemeiner Zeitrechnung): "Diese Enthüllung des Denkmals für
unsere jüdischen Brüder und Schwester möge den Bürgern von Bad
Mergentheim stets vor Augen halten, dass in den Herzen aller 'Auschwitz
nie mehr' eine ewige Verpflichtung bleibe. In Dankbarkeit Netanel
Wurmser"
Im
Goldenen Buch der Stadt: Eintragungen der Besuchsgruppen ehemaliger
jüdischer Mitbürger in Bad Mergentheim:
links vom 3. bis 10. Juli 1983, Mitte vom 31. August bis 7. September
1987, rechts vom 2. bis 9. September 1990.
Trotz
eisiger Kälte hatten sich zahlreiche Interessierte zu der Veranstaltung
einladen lassen,
darunter auch jüdische Personen, die in den vergangenen
Jahren nach Bad Mergentheim
zugezogen sind
Begrüßung
durch
Bürgermeisterstellvertreter
Thomas Tuschhoff
Gedanken
zur Gestaltung des Denkmales
durch Architekt Rolf Klärle
Zeitzeugenbericht
durch Dr. Fritz Ulshöfer,
Direktor des Amtsgerichts i. R.
Schuldekan i. R.
Hornig und Oberstudienrat
i. R. Behr lesen abwechselnd die Namen
aller 97
Umgekommenen
Ansprache
von Landesrabbiner Wurmser
vor Lesen eines Psalmes und der Rezitation
des
Totengebetes (Kaddisch)
Nach der Übergabe
des Denkmals von links:
Thomas Tuschhoff, Schuldekan i.R. Hornig,
Landesrabbiner Wurmser und
Dr. Fritz Ulshöfer
Besuch
des Landesrabbiners in der jüdischen Abteilung des
Deutschordensmuseums (Zum Museum siehe Website www.deutschordensmuseum.de)
Hinweistafel
zur Abteilung 2.10 der
Stadtgeschichte im Deutschordensmuseum:
"Die
Mergentheimer Juden"
Landesrabbiner
Wurmser wird von
Oberstudienrat i.R. Behr durch die von
ihm konzipierte
Ausstellung begleitet
Landesrabbiner
Wurmser vor einem Foto des
Grabsteines von Hoffaktor Baruch Simon
Links
Gedenktafel aus der ehemaligen
Synagoge mit den Namen der Gefallenen des
Ersten Weltkrieges, rechts Gedenktafel aus
der 1946 wieder eingeweihten
Synagoge
Vitrinen zur
jüdischen Geschichte
Bad Mergentheims
Foto der
Bauzeichnung der
Synagoge von 1912
Vitrine
mit Erinnerungen an die Emigration des letzten Mergentheimer Rabbiners
Moses Kahn nach Palästina 1939 und Werken von Hermann Fechenbach. In der
Mitte Reisepässe des Ehepaares Kahn (ausgestellt vom Landratsamt
Mergentheim am 20. Juni 1939), rechts Personalausweis Moses Kahn (ausgestellt
von der Britischen Verwaltung in Palästina am 29.8.1939). Das Passbild
rechts zeigt den von den in der NS-Zeit erlittenen Anfeindungen und
schweren Misshandlungen im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938
gealterten und gezeichneten Rabbiner.
Landesrabbiner
Wurmser erhält zur Erinnerung
zwei Werke von Hermann Fechenbach
Selbstbildnis von
Hermann Fechenbach
und seiner Frau (entstanden 1937)
September 2011:Bericht über Veranstaltungen in Bad Mergentheim
zum "Europäischen Tag der Jüdischen Kultur" 2011 am
4. September 2011 in der "Main-Post" vom 7. September
2011: Link
zum Artikel; auch eingestellt
als pdf-Datei.
September 2011:
Sensationeller Fund - jüdische Steuerakten aus
der NS-Zeit
Artikel von Peter Kessler in der
"Südwestpresse" (Lokalausgabe Bad Mergentheim,
"Tauber-Zeitung") vom 10.
September 2011:
"Jeder wusste Bescheid" und "Stoff für ein Buch.
Bad Mergentheim. Wie jüdische Mitbürger ausgebeutet und ausgeplündert
wurden, machen die jetzt in Bad Mergentheim entdeckten Akten anschaulich.
Der sensationelle Fund im Finanzamt kann Stoff für ein Buch
liefern...." Link
zum 1. Artikel; auch eingestellt als
pdf-Datei; Link
zum 2. Artikel; auch eingestellt
als pdf-Datei.
Links: Leserbrief
zu den Artikeln
Artikel von Christian Walf in der
"Ludwigsburger Kreiszeitung" vom 9. September 2011: "Alle
im Dorf haben es gewusst..." Link
zum Artikel; auch eingestellt
als pdf-Datei.
November 2012: Vortrag von Hartwig Behr am 28. November 2012 im Deutschordensmuseum
Mittwoch,
28. November 19.30 Uhr Finanzamtsakten - langweilig?
Vortrag von Hartwig Behr M.A., Historiker
Weitere Informationen zu dem Vortrag: Textabbildung links anklicken.
März 2013:
Auf Spurensuche nach den Vorfahren
Artikel in der Südwestpresse
swp.de vom 9. März 2013: "Junger Israeli auf Spurensuche. Schimon Grossmann hoffte, mehr über Verwandte zu erfahren, als er sich
ans Museum wandte, um mit jemandem Kontakt zu bekommen, der sich mit dem
Leben der Juden in Mergentheim beschäftigt.
Schimon Grossmann, 1977 in Haifa geboren, wohnt seit einiger Zeit in
Deutschland. Er wusste, dass ein Teil seiner Familie um 1870 in
Steinbach bei Lohr am Main lebte und dass
Kinder seines Ururgroßvaters Sigmund Kahn von dort nach Mergentheim gezogen
waren. Er wandte sich im Januar an das Deutschordensmuseum. Man leitete
Grossmanns Mail weiter an den gelegentlichen Mitarbeiter Hartwig Behr.
Dieser schlug zunächst in Hermann Fechenbachs Buch 'Die letzten
Mergentheimer Juden' nach, wo man eine Liste mit den meisten der zwischen
1933 und 1942 hier lebenden Juden findet, ihre Lebensdaten erfährt und wann
sie emigrierten oder deportiert wurden. Dort werden auch die Mitglieder der
Familie Kahn erwähnt. Diese Nachricht erhielt Grossmann. Für seinen
Familienstammbaum übernahm er die Daten. Er signalisierte, dass er gern die
Lebensorte seiner Verwandten kennen lernen würde. Behr recherchierte weiter,
so in Adressbüchern von 1920 bis 1939 und in weiteren Listen, in denen er
die Wohnungen der Brüder von Grossmanns Urgroßmutter Frieda fand, die 1907
in Erfelden bei Darmstadt geheiratet
hatte. Deren Nachkommen waren ins spätere Israel ausgewandert. Friedas
Bruder, der Viehhändler Max Kahn, geboren 1875, kam 1904 als erster von vier
Brüdern nach Mergentheim. Er wohnte am Unteren Graben 7. Es folgten seine
Brüder Benno, auch Viehhändler, der zunächst in der Burgstraße 1, später in
der Herrenmühlstraße 20 lebte, sowie Hugo, der in der Unteren Mauergasse 11
ein Textilgeschäft führte, und schließlich Julius, der bei Max Kahn wohnte,
wohin als Witwer schließlich auch der Vater Sigmund 1910 zog. Ein
erwähnenswerter Fund ist die Dankanzeige der Brüder anlässlich der
Beerdigung ihres Vaters 1927: Sigmund Kahn - heißt es dort - war Veteran der
Kriege von 1866 und 1870/1. Er starb in der Zeit, als man den Juden zu
Unrecht mangelnden Einsatz im Ersten Weltkrieg vorwarf. Nathan, der jüngste
Sohn Sigmunds, war 1915 im Ersten Weltkrieg gefallen.
Als Schimon Grossmann an die Tauber reiste, besuchte er zuerst den
Friedhof in Unterbalbach, wo außer
seinem Ururgroßvater auch Berta, die Tochter von Max Kahn, liegt, die
zweijährig 1906 starb. Max Kahn und seine Frau Rosa hatten sieben weitere
Kinder, die alle emigrierten, zumeist nach New York - wie auch die Eltern,
die es gerade noch vor dem Novemberpogrom 1938 schafften. In deren Haus am
Unteren Graben wurde aber der 68-jährige Rabbiner Dr. Kahn damals übel
malträtiert. Trotz dieser Untaten waren drei Töchter der Kahns, Dora Mayer,
Erna Sanford Croft und Rita Lowenberg, 1983 und 1990 mit ihren Männern in
Mergentheim, als sie eingeladen wurden, ihre Heimat zu besuchen. Hugo Kahn,
der die Mergentheimerin Bertha Jonas geheiratet hatte, musste den
antisemitischen Druck am längsten erleiden. Das Ehepaar war gezwungen,
mehrmals umzuziehen. Sie lebten von 1939 an im sogenannten Rabbinerhaus in
der Holzapfelgasse, konnten aber im September 1941 Deutschland noch
verlassen. Ihre Kinder Manfred und Lydia waren schon 1934 und 1937 nach New
York übergesiedelt. Nachdem Grossmann und Behr die Häuser besucht hatten,
führte sie ihr Weg in die jüdische Abteilung des Deutschordensmuseums, wo
neben Gegenständen und Bildern jüdischen Lebens auch die Mergentheimer
Deportationsliste von 1941 ausgestellt ist. Bei der Betrachtung des Denkmals
im Äußeren Schlosshof musste Schimon Grossmann sehen, dass die Familie von
Benno Kahn, die nach 1933 noch hier lebte, im Krieg ermordet worden ist.
Benno, seine Frau Therese und die Tochter Marianne waren zwar 1935 nach
Rotterdam ausgewandert, aber sie wurden wie der Ehemann Mariannes in den
Niederlanden gefangen und 1943 nach Sobibor gebracht und getötet. Grossmann
sagte zum Abschied, dass er noch mehr über seine Verwandten erfahren möchte,
etwa, was in den Finanzamtsakten über seine Familie festgehalten ist."
Link zum Artikel
Januar 2017:
Anzeige zum Gedenken am Holocaust-Gedenktag
Zu dieser Anzeige, die in der Lokalpresse am 21. Januar 2017 erschien,
teilte Hartwig Behr per Mail am 23. Januar 2017 mit: "Liebe Freunde, verehrte Bekannte,
da ich befürchte, dass eine Tradition abbricht, nämlich dass am 27. Januar der deportierten und ermordeten Juden am Mergentheimer Denkmal nicht mehr gedacht wird,
habe ich als Privatmann per Anzeige zu einem 'stillen Gedenken' eingeladen, wie man im Anhang sehen
kann..."
Auf Grund des Aufrufes von Hartwig Behr
versammelten sich etwa 50 Personen zum Gedenken am
Holocaust-Gedenktag
Artikel in den "Fränkischen Nachrichten" vom 30. Januar
2017:
"Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: Stilles Gedenken am Mahnmal im
Schlosshof privat organisiert / 50 Menschen kamen.
'Tradition aufrecht erhalten'..."
Zwei Fotos der Veranstaltung,
rechts Hartwig Behr
vor dem Denkmal von 2010 (siehe oben)
(Fotos: Hans-Peter Kuhnhäuser; Fotos mit freundlicher Erlaubnis
zur Veröffentlichung erhalten über H. Behr)
Februar
2017: Zum Tod von Ilse Frank
Artikel von Hartwig Behr in den "Fränkischen Nachrichten" vom
3. Februar 2017: "Wohl älteste gebürtige jüdische Mergentheimerin:
In verschiedenen Institutionen engagiert. Ilse Frank in USA gestorben..."
(Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken)
August
2017:Eine Gedenktafel zur Erinnerung
an Felix Fechenbach wird angebracht
Die obigen Artikel erschienen in
den "Fränkischen Nachrichten" vom 10. August 2017 - zum Lesen
bitte Textabbildungen anklicken.
Januar
2018: Veranstaltung zum
Holocaust-Gedenktag in Bad Mergentheim
Artikel von Hans-Peter Kuhnhäuser in den "Fränkischen
Nachrichten" vom 30. Januar 2018:
"Bad Mergentheim. Holocaust-Gedenktag - Feierstunde vor dem
Denkmal für die ehemaligen jüdischen Mitbürger. Traditionen und Rechte
brutal gebrochen.
Am Holocaust-Gedenktag wurde auch in Bad Mergentheim der Opfer des
Nationalsozialismus gedacht...." Zum Lesen des Artikels bitte Pressemitteilung anklicken. Link
zum Artikel in der Website der "Fränkischen Nachrichten".
Mai
2018: 1350 Unterschriften für
"Stolpersteine" in Bad Mergentheim
Artikel von HP in den
"Fränkischen Nachrichten" vom 18. Mai 2018: "BAD MERGENTHEIM.
GEDENKEN 'JÜDISCHER KULTUR BEGEGNEN, HOLOCAUST VERSTEHEN' / NELE GERNET, ROBIN BIERE UND MARIE HOFMANN BEI OB GLATTHAAR.
1350 Unterschriften für 'Stolpersteine'. BAD MERGENTHEIM. Unterschriftenliste übergeben: Knapp 1350 Unterschriften für so genannte
'Stolpersteine' in Bad Mergentheim übergaben am Mittwochnachmittag drei Schüler des Wirtschaftsgymnasiums Bad Mergentheim im Neuen Rathaus an Oberbürgermeister Udo Glatthaar.
Zusammen mit weiteren Mitschülern machen sie mit im Seminarkurs an ihrer Schule, der als Teil der Bildungspartnerschaft
'Jüdischer Kultur begegnen, Holocaust verstehen' das Projekt 'Stolpersteine in Bad
Mergentheim' angestoßen hat.
Gesammelt haben die Schüler die Unterschriften seit November in der Stadt, sie sprachen dafür sowohl Einheimische als auch Besucher und Gäste an. Auch in einigen Geschäften lagen die Listen aus.
'Zumeist waren die Reaktionen der von uns angesprochenen Passanten positiv', sagten Nele Gernet, Robin Biere und Marie Hofmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings
'hat es vereinzelt auch heftige Reaktionen gegeben, da kamen auch aggressive Untertöne und antisemitische Sprüche', wie Biere erklärte.
'Wir nehmen diese Liste gerne und dankend entgegen', sagte das Stadtoberhaupt. Angesichts des notwendigen historischen Gedenkens an die ehemaligen Bad Mergentheimer jüdischen Mitbürger lobte er die Schüler für ihr Engagement. Erinnerung sei wichtig, weil man sich damit beschäftigen müsse, was mit diesen Menschen geschehen sei, damit
'so etwas zumindest in Deutschland nie wieder geschehen kann'.
'Besonders positiv' würdigte der OB das Engagement junger Leute. Allerdings gebe es in der Stadt durchaus unterschiedliche Sichtweisen, wie das Gedenken auszurichten sei – eine endgültige Entscheidung stehe noch aus.
'Es gibt die Fragestellung, ob die zusätzliche Gedenkform Stolpersteine sinnvoll
ist', sagte Glatthaar. Gleichwohl verdiene das 'sensible Thema' – 'Wo, für wen und wie wollen wir
gedenken?' – eine umfassende Herangehensweise und eine offene Diskussion in Stadtverwaltung und Gemeinderat. Dass diese Unterschriftensammlung, initiiert und getragen von Jugendlichen, die nötige Sensibilität
'wachhalte', sei dabei durchaus begrüßenswert, so der OB." Link
zum Artikel
April 2019:
Erste Verlegung von
"Stolpersteinen" in Bad Mergentheim
Im Oktober 2018 wurde der Verein
"Stolpersteine Bad Mergentheim e.V." gegründet. am 4. April 2019 konnten die
ersten fünf "Stolpersteine" für Opfer des Nationalsozialismus in Bad
Mergentheim verlegt werden. Sie wurden vor den Gebäuden Burgstraße 22 (für
Emanuel Furchheimer, Fanny Furchheimer und Sigmund Furchheimer;
Flyer) und Kapuzinerstraße 14 (für Fanny Igersheimer geb. Singer und
Sigmund Igersheimer) verlegt.
Weitere Informationen
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Mergentheim
Oktober 2021:Weitere "Stolpersteine" wurden
in Bad Mergentheim verlegt
Am 7. Oktober wurden in Bad
Mergentheim und Edelfingen weitere 23 "Stolpersteine" verlegt: In Bad
Mergentheim in der Wettgasse 10 für Ferdinand Würzburger, Samuel
Würzburger, Lina Würzburger, Rosa Würzburger, Ida Würzburger, Selma
Würzburger und Bruno Würzburger; am Hans-Heinrich-Ehrler-Platz 24 für Aron
Adler, Erna Adler, Frieda Adler, Louise Adler; in Edelfingen in der
Ratstraße 13 für Hedwig Adler und Elsa Adler; in der Ratstraße 19 für Zilli
Adler; in der Alte Frankenstraße 9 für Gretchen Grünfeld, Jakob Frank, Berta
Frank, Gertrud Frank, Ruth Frank, Salomon Frank; in der Alte Frankenstraße
41 für Joseph Schorsch, Berta Schorsch und Simon Schorsch. Weitere Informationen siehe
https://stolpersteine-mgh.de/.
2021:
Jetziger Ladenbesitzer
recherchiert nach den ursprünglich jüdischen Besitzern des Geschäftes
Leopold Löwenstein: Zur Geschichte der Juden in
Mergentheim, in: Blätter für jüdische Geschichte und Literatur, Jahrgang III
(1902), S. 7-9, 11-14 (eigentlich 27-30), 53-56, 81-84, 97-101.
Online unter:
https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.hn55aj;view=1up;seq=1
Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern.
1966. S. 37-43.
Germania Judaica II,2 S. 538f, III,2 S. 861-866.
Hermann Fechenbach: Die letzten Mergentheimer Juden. 1972.
Zwischen Heimat und Exil. Der Künstler Hermann Fechenbach 1897-1986.
Ausstellungskatalog 1997 - Deutschordensmuseum Bad Mergentheim.
Art. "Portal des ehemaligen Rabbinerhauses: Jahrelange Suche nach einem
geeigneten und würdigen Standort" in: Fränkische Nachrichten vom
11.11.1988.
Art. "Gedenktafel lädt zur Besinnung ein", in: Fränkische
Nachrichten vom 3.1.2002.
Artikel von Sonja Götzelmann vom 9. Juli 2011 in der
"Südwestpresse" (Lokalausgabe Bad Mergentheim) "Gebäude mit
wechselvoller Geschichte": Bericht anlässlich des drohenden Abbruchs
des "Friesingerhauses". in dem sich von 1926 bis 1938 eine Filiale
von "Springmanns Schuhwarenhaus" befand (Leo Katzenberger und
Brüder, Nürnberg) (Artikel
eingestellt als pdf-Datei)
Hartwig Behr: Zur Geschichte des
Nationalsozialismus im Altkreis Mergentheim 1918-1949. Mit einem Geleitwort
von Prof. Dr. Thomas Schnabel. Günther Emigs Literatur-Betrieb:
Niederstetten 2020. 335 Seiten, 54 Abbildungen, gebunden, Fadenheftung. ISBN
978-3-948371-64-7. € 18,00.
Rezension von Horst F.
Rupp (als pdf-Datei eingestellt). Rezension
von Richard Schmitt in "Die Linde. Beilage zum Fränkischen Anzeiger für
Geschichte" 102. Jahrgang. Heft 7 /Juli 2020 S. 54-56 (als pdf-Datei
eingestellt).
Bad Mergentheim Wuerttemberg. A few
Jewish families were present in 1292; 16 Jews were murdered in the Rindfleisch
massacres of 1298 and others in the Armleder massacres of 1336-39 and the Black
Death persecutions of 1348-49. In 1495 the Teutonic Order assumed responsibility
for the small Jewish community, which only began to develop during the Thirty
Years War (1618-48) when a new charter permitted Jews to trade in farm produce
while imposing residence restrictions and continuing the ban on moneylending. In
the first half of the 19th century, when the town was attached to the
Wuerttemberg principality, many Jews were numbered among the poor and tensions
with the local population led to violent anti-Jewish outbursts in 1819 and 1848.
Economic conditions improved with the discovery of mineral springs ad
mid-century. Jews prospered in the wholesale and retail trade, dealing in food
and clothing, horses and cattle. The community hosted regional conferences of
Agudat Israel and other Orthodox bodies. In 1900 it reached a peak population of
276 (around 6 % of the total) and in 1933 numbered 196. On Kristallnacht
(9-10 November 1938) the synagogue was desecrated, Jews were severely beaten,
and Jewish stores looted. Emigration consequently accelerated and, in all, 123
Jews managed to leave Germany unil 1941, 69 of them reaching the United States
and 36 Palestine. None of the others survived the Holocaust, many ending their
days in the Theresienstadt ghetto.
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